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Fakultät für Maschinenbau
BIOKON


Mittelohrimplantat - Wiederherstellung der Hörfähigkeit

Keywords: Implantat, Mittelohr, Impedanz, Mikromechanik

Am Beispiel des mikrotechnisch hergestellten Mittelohr-Implantats sollen sowohl die Einsatzmöglichkeit sehr kleiner Produkte im menschlichen Körper als auch die Vorgehensweise beim Entwurf und der Entwicklung bioanaloger künstlicher Systeme demonstriert werden.



Abb. 1, [Schumacher G.-H.]: Ohrschnitt

Das biologische "Vorbild"

Das Mittelohr des Menschen, die luftgefüllte "Paukenhöhle", enthält eine mechanische Funktionsgruppe, die aus dem "Trommelfell" als schwingungsfähige Membran, der Kette von Gehörknöchelchen "Hammer", "Amboss" und "Steigbügel" und dem ebenfalls membranartig verschlossenen Eingang in den Raum des Innenohrs besteht.

 

 

Die natürliche Funktionsweise

Diese kleinsten Knochen des Körpers bilden eine Winkelhebel-Kette, da sie durch Gelenke miteinander verbunden und durch feine Sehnenbänder schwingend an der Innenwandung der Paukenhöhle sind. Bei der Schallleitung nimmt der "Hammer-Stiel" die Membran-Schwingungen auf und gibt sie unter Verstärkung auf die Folgeelemente weiter, bis sie als stempelartige Bewegungen der "Fußplatte" am "Steigbügel" in die flüssigkeitsgefüllte Innenohr-"Schnecke" eingekoppelt werden.



Abb. 2 [Waro]: Mittelohr


Abb. 3 [Wauro]: (v.l.) Hammer, Amboss, Steigbügel

Das Problem

In bestimmten Fällen, z.B. bei einer Otosklerose, versteifen sich die Gelenke und die mechanische Schallleitungskette wird unter einem chirurgischen Eingriff durch ein kompaktes Keramik-Stäbchen ersetzt, welches jetzt die Verbindung zwischen Trommelfell und Schnecke herstellt. Allerdings weist dieser Ersatz einen entscheidend veränderten Frequenzgang auf, so dass der Höreindruck des Patienten deutlich verfälscht wird und bei der Aufnahme sehr hoher Schalldrücke außerdem die Sinneszellen im Innenohr beschädigt werden.

 

 

 

Der technische Anspruch und die Entwicklung eines Simulation - Modells

Für die vorgegebene Größenordnung der natürlichen Struktur (der "Bauraum") in unserem Hörorgan gab es bisher noch keine technologischen Möglichkeiten, ein dynamisches System herzustellen, welches aus bioanalog schwingungsfähigen Elementen besteht. Erst seit der Entwicklung der Mikromechanik ist man in der Lage, derart filigrane Körper, Gelenke und Federn zu realisieren und "aus einem Stück" ohne aufwendige Montageschritte herauszuarbeiten.

Im Falle des Mittelohr-Implantats führt die Bionische Modellmethode zu einem gekoppelten Feder-Massen-Dämpfer-Modell mit den entsprechenden Werten für die Elastizität und Viskosität der Membranen, Gelenke und Bänder; die Hebellängen und Massen der Knöchelchen sowie die Frequenz-Amplituden-Kennlinie aus der audiometrischen Diagnostik.

 

 




Abb. 4 [Wauro]: Feder-Masse-Dämpfer-Modell und simuliertes frequenzabhängiges Übertragungsverhalten des Mittelohrs


Abb. 5 [Wauro]: Implantat

Die Umsetzung als Konstruktions-Model für eine technologisch realisierbare Struktur

Mikrotechnologie ist zur Zeit noch an die Erzeugung ebener Strukturen gebunden, weshalb statt der räumlichen Geometrie der Knochenkette der Entwurf, abweichend vom natürlichen Vorbild, als planares Getriebe ausgeführt werden muss. In ihm ermöglichen die als Mäander geformten Federgelenke eine rotatorische Relativbewegung der konzentrisch aufgehangenen Glieder beim Schwingungsvorgang. Das mikrotechnische Design ist so berechnet, dass aber weiterhin die Gesamtfunktion mit annähernd gleichen Parametern der Schallübertragung (Phasengang- und frequenzabhängige Verstärkerwirkung = mechanische Impedanz) erhalten bleibt.

 

 



Abb. 6 [Wauro]: Realisiertes Implantat

Probleme des Einsatzes im biologischen System

Abgesehen von der Wahl des Werkstoffes (Glas, Silizium, Titan, Polymere ?), der Variation der Gesamtgröße und der Auslegung einzelner Federstegbreiten zur individuellen Anpassung, müssen Restriktionen der Biokompatibilität beachtet werden. So besteht noch Entwicklungsbedarf hinsichtlich der räumlichen Fixierung des Außenringes in der Kuppel der Paukenhöhle, die eine sichere Verwachsung mit dem körpereigenen Substrat voraussetzt. Biokompatible Materialien sind in der "Makro-Implantologie" schon Standard, aber in der Mikrotechnologie noch nicht in der geforderten Genauigkeit strukturierbar. Auch ist der operative Zugang der bevorzugt endoskopisch arbeitenden HNO-Chirurgie zum Einsatz dieses empfindlichen Teils noch nicht erprobt.

Die Weiterentwicklung

Wie generell in biologischen Systemen als auch in unserem Körper gibt es im Schallleitungsapparat Regelmechanismen, die Schutzfunktionen erfüllen und Feinabstimmungen (Adaptivität) ermöglichen. Im Mittelohr befinden sich ebenfalls 2 der kleinsten Muskeln, der Spannmuskel für das Trommelfell und der winzige Steigbügel-Stellmuskel. Letzterer kann durch minimale Verkippung des Steigbügels das Innenohr bis zu einem bestimmten Grade vor dem sog. "Knalltrauma" schützen. Die Integration eines Mikro-Motors als Stellantrieb in dem als Blattfeder ausgeführten Amboss-Steigbügel-Gelenk würde die Konformität des technischen Simulats zur natürlichen Funktion um einen weiteren Schritt erhöhen. Eine solche Entwicklung entspricht dem Konzept der Biomechatronik.

Der vorgestellte Entwicklungsstand wurde durch Herrn Dipl.-Ing. Frank Wauro realisiert und zur Verfügung gestellt.

Mittelohrimplantat.pdf

© 2005 by BioKoN, Alexander Müller

  
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  zuletzt geändert:  02.05.2006 Seite drucken