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Länderübergreifende Forschung zu Online-Sexualität

Foto: Länderübergreifende Forschung zu Online-Sexualität

1. Hintergrund der Forschung

Sexualität ist ein wichtiger Bestandteil menschlichen Lebens und eng verbunden mit Gesundheit, Lebenszufriedenheit und Beziehungsqualität. Die sexuelle Kultur in Deutschland hat in den letzten fünfzig Jahren zwei zentrale Wandlungen durchlaufen: Die so genannte sexuelle Revolution der 1960er Jahre hat einen Liberalisierungsschub gebracht, vor allem durch die Pille sowie die damalige Strafrechtsreform. Seitdem sind z. B. das Anschauen von Pornografie oder das Zusammenleben unverheirateter Paare legal. Die zweite Wandlungsphase ist mit der so genannten digitalen Revolution verbunden und den seit den 1990er Jahren in der Bevölkerung verbreiteten sexualbezogenen Online-Aktivitäten: Online-Pornografie, Online-Dating, Online-Sexualaufklärung sind nur einige Beispiele.

2. Forschungsproblem

Das Aufkommen der Online-Sexualität ist gesellschaftlich hochgradig umstritten und wird auch in der Forschung seit rund 25 Jahren kontrovers diskutiert. Auf der einen Seite werden weitere Liberalisierungschancen gesehen (z. B. Verbesserung der Information und Kommunikation über Sexualität und damit verbesserte Gesundheit, Lebenszufriedenheit sowie Beziehungsqualität). Auf der anderen Seite werden große Gefahren beschrieben von sexueller Online-Untreue über sexuelle Online-Belästigung bis zu Online-Pornografie-Sucht. Vor diesem Hintergrund sind Studien gefragt,

  • die nicht nur Einzelaspekte der Online-Sexualität beleuchten, sondern das gesamte Spektrum sexualbezogener Online-Aktivitäten betrachten,
  • die sich nicht entweder auf positive oder auf negative Wirkungsmessung beschränken, sondern Chancen und Risiken ausgewogen berücksichtigen,
  • die das globale Phänomen der Online-Sexualität nicht nur in einem einzelnen Land, sondern länderübergreifend untersuchen.

3. Forschungsmethoden

Um sich diesem Forschungsproblem zu widmen wurde eine internationale Forschungskooperation ins Leben gerufen. Dabei wurden vier westliche Länder mit gemäß World Values Survey unterschiedli-chem Grad an sexuellem Liberalismus (Schweden > Deutschland > Kanada > USA) einbezogen. Beteiligt sind ausschließlich im Bereich Online-Sexualität ausgewiesene Forschende: Professor Kristian Daneback von der Göteborg Universität in Schweden, Professor Nicola Döring von der TU Ilmenau in Deutschland, Professor Sandra Byers von der Universität New Brunswick in Kanada, Dr. Krystelle Shaughnessy von der Universität Ottawa in Kanada sowie Professor Christian Grov von der City University of New York in den USA.
Methodisch wurde die Studie realisiert, indem in allen vier Ländern jeweils mit demselben Fragebogen-Instrument studentische Stichproben befragt wurden. Studierende sind eine besonders interessante Untersuchungsgruppe für Online-Sexualität, da sie sich in einer Lebensphase befinden, in der Sexualität eine große Rolle spielt (sexuelle Identitätsfindung, Partnersuche etc.) und sie sich gleichzeitig sehr viel im Internet bewegen.

4. Ergebnisse

Insgesamt konnten über die vier Länder hinweg N = 2.690 Studierende untersucht werden. Es zeigte sich, dass viele sexualbezogene Online-Aktivitäten inzwischen unter weiblichen wie männlichen Studierenden statistisch normal geworden sind, wenn man die Lebenszeitprävalenz betrachtet. Die Nutzungshäufigkeit variiert jedoch: Tendenziell sind Personen stärker an sexualbezogenen Online-Aktivitäten beteiligt, wenn sie jünger, männlich und nicht-heterosexuell sind. Insgesamt erleben Studierende statistisch signifikant mehr positive als negative Effekte des Internet auf ihr Sexualleben. Dabei darf der Internet-Effekt aber nicht überschätzt werden, denn die statistischen Effektgrößen sind gering. Andere bio-psycho-soziale Einflüsse auf die Sexualität (z. B. Sexualerziehung im Elternhaus; Persönlichkeitseigenschaften) sind auch im Internet-Zeitalter weiterhin sehr wichtig. Im Erleben von Online-Sexualität zeigten sich bei den untersuchten Studierenden interessanterweise kaum länderspezifische Unterschiede.

5. Schlussfolgerung

Ein besseres Verständnis von Online-Sexualität kann dazu beitragen, positive Effekte dieser neuen sexuellen Ausdrucksformen zu fördern und gleichzeitig negativen Effekten entgegen zu wirken.

6. Publikation und Impact

Döring, N., Daneback, K., Shaughnessy, K., Grov, C., & Byers, E. S. (2017). Online sexual activities experiences among college students: A four-country comparison. Archives of Sexual Behavior, 46(6), 1641-1652. https://doi.org/10.1007/s10508-015-0656-4

Die Archives of Sexual Behavior (Springer Verlag) sind das Organ der "International Academy of Sex Research" (IASR) und mit einem Impact Factor von 2,720 eine der führenden Fachzeitschriften im Bereich Sexualforschung. Das Paper weist laut Web of Science 10 Zitationen und laut Google Scholar 23 Zitationen auf (Stand: Juni 2018).

Weitere Publikationen aus dem Datensatz der Studie sind aktuell in Vorbereitung.

Das Thema Sexualität an der Schnittstelle zu neuen Informations- und Kommunikationstech-nologien wird am Fachgebiet Medienpsychologie und Medienkonzeption der TU Ilmenau unter Leitung von Prof. Dr. Nicola Döring seit Jahren intensiv erforscht und in der Lehre vermittelt.
Forschungsergebnisse – etwa zu Online-Sexualaufklärung – sind hochgradig praxisrelevant und wer-den u. a. von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, dem Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs und der WHO nachgefragt. Prof. Döring ist Mitherausgeberin der Zeitschrift für Sexualforschung (Thieme Verlag).

Kontakt: 

Prof. Dr. Nicola Döring
Fachgebiet Medienpsychologie und Medienkonzeption der TU Ilmenau
Fakultät für Wirtschaftswissenschaften und Medien