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16.11.2018

Schadet die Allgegenwart des Smartphones der Konzentration?

Unter dieser Leitfrage stand das jährliche Lehrprojekt, das Dr. Christoph Kuhlmann mit Studierenden im Rahmen der Veranstaltung „Quantitative Methoden der Kommunikationswissenschaft“ in diesem Sommersemester durchführte.

Quelle: Fachgebiet Empirische Medienforschung und Politische Kommunikation

Unter seiner Leitung wurde ein Fragebogen für eine Onlinebefragung entwickelt, in der es um drei Lebensbereiche ging: Mediennutzung, Schule und Beruf sowie Paarbeziehungen. Für diese Bereiche wurde angenommen, dass Akteure zumindest punktuell Konzentration von sich (und anderen) erwarten und ein eventuell negativer Einfluss einer parallelen Smartphonenutzung deshalb relevant wäre. Die Ergebnisse sind je nach Bereich sehr unterschiedlich: Weitgehend Entwarnung kann gegeben werden für das Liebesleben: Lediglich das Spielen während des Zusammenseins mit dem Partner hat schwache negative Effekte auf die Konzentrationsfähigkeit bei Gesprächen (-.16) und dem Austausch von Zärtlichkeiten (-.21). Bei sexuellen Aktivitäten ist es offenbar nach wie vor üblich, das Smartphone aus der Hand zu legen.

Bei der Nutzung anderer Medien (als dem Smartphone) hat eine parallele Smartphonenutzung mehr, aber ebenfalls eher schwache Einflüsse auf die Konzentration. Je häufiger jemand parallel sein Smartphone nutzt, desto

  • häufiger muss er Sätze oder Absätze in aktuellen Printmedien mehrmals lesen (+.22)
  • desto niedriger schätzt er seine Konzentration beim Printlesen ein (-.22).
  • desto weniger nimmt er Radionachrichten wahr (-.13)
  • desto niedriger schätzt er seine Konzentration beim Radiohören ein (-.14)
  • desto häufiger spult er beim Serienschauen zurück (+.24) oder schaut Folgen noch einmal (+.17)
  • desto weniger kann er die Handlung von Kinofilmen wiedergeben (-.26)
  • desto häufiger führt er bei Videospielen unbedachte Spielhandlungen aus (+.25).

Keine nennenswerten Effekte einer parallelen Smartphonenutzung zeigten sich für das Lesen von Büchern und das Sehen von Spielfilmen. Sogar positive Effekte finden sich beim Musikhören. Hier steigen mit der parallelen Smartphonenutzung auch die Erkennung neuer Musikstücke (+.18) sowie die Erinnerung an Melodie (+.21) und Text (+.14).

Deutlich stärker sind die Effekte im Bereich Studium. Die Smartphonenutzung während der Vorlesung (-.41), bei der Heimarbeit fürs Studium (-.30) und während Teamarbeiten (.30) wirkt sich negativ auf die allgemeine Frage nach der Selbsteinschätzung der Konzentration in Lehrveranstaltungen aus. Die Nutzung während Lehrveranstaltungen führt auch dazu, dass die Befragten sich häufiger abgelenkt erleben (Nutzung in Vorlesung +.57, Nutzung im Seminar +.38), dass sie häufiger nicht mitbekommen, was die Dozentin gesagt hat (Vorlesung +.33, Seminar +.25), und dass sie mehr Zeit in die Nachbereitung investieren müssen (Vorlesung +.36, Seminar +.32). Bei der Heimarbeit leidet zusätzlich die Konzentration beim Lesen von Fachliteratur unter der parallelen Smartphonenutzung (-.25).

Besonders interessant erscheint der Befund, dass mit steigender Nutzung in Vorlesung und Seminar auch die Häufigkeit steigt, mit der man an das Smartphone denkt, während man es gerade nicht nutzt. Insofern wären Einschränkungen der Nutzung unter Umständen wenig produktiv, wenn der Entzug des Gerätes dann dazu führt, dass die Gedanken unentwegt zur Frage wandern, wer wohl gerade geschrieben hat…

Die vorgestellten Befunde sind allerdings insoweit einzuschränken, als sich die allgemein nachlassende Bereitschaft zur Teilnahme an Befragungen auch in diesem Projekt gezeigt hat, wo von einer durch Quotenstichprobe angezielten Zahl von 1200 Befragten nur 268 Befragungen realisiert werden konnten.

Möglicherweise müssen solche Befragungen künftig für das Ausfüllen per Smartphone optimiert werden, worauf dieses Mal aufgrund der Komplexität der Fragen und Skalen noch verzichtet wurde.