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"Die großen Probleme der Menschheit können wir nur durch die Wissenschaft lösen"

© Michael Reichel

Am 17. Juni schied Professor Peter Scharff aus dem Amt des Rektors aus. Anlass für uns, mit ihm über 16 Jahre Tätigkeit als Rektor zu sprechen.

Herr Professor Scharff, die Studierenden und Mitarbeiter der TU Ilmenau kennen Sie als engagierten Wissenschaftler und Professor der Chemie. Wann haben Sie Ihr Interesse für die Naturwissenschaften entdeckt?

Schon während meiner Schulzeit haben mich die Naturwissenschaften fasziniert. Es hatte für mich etwas Faustisches. Ich wollte wissen, was die Welt im Innersten zusammenhält. Mein Abitur habe ich an einem neusprachlichen Gymnasium gemacht und hatte in den sprachlichen Fächern bessere Noten. Mein Interesse hat mich jedoch zum Studium der Chemie bewegt. Meine Lehrer haben gesagt: „Sind Sie sicher, dass Sie das machen wollen?“ (lacht)

Ist Ihnen das Studium leicht gefallen?

Ich hatte am Anfang ein bisschen Schwierigkeiten mit der Mathematik. Das sehen wir auch heute bei unseren Studierenden: wenn es hapert, dann häufig in dieser Richtung. Schon damals war die Schulbildung zumindest an Gymnasien mit sprachlichem Schwerpunkt eher schwach für das, was im Studium an Mathematik für Chemiker verlangt wurde. Ich musste anfänglich richtig daran arbeiten, aber es hat sich im Laufe des Studiums dann relativ schnell verbessert.

Im Zivildienst hatte ich eine Stelle im Forschungslabor der medizinischen Klinik in Göttingen. Mein Chef hat anschließend eine Professur in Hannover erhalten. Am Forschungszentrum der Medizinischen Hochschule in Hannover haben wir eine künstliche Leber entwickelt. Für mich war das natürlich interessant und in Teilen nah an meinem Studium. Diese zwei Jahre Zivildienst waren eine tolle Zeit, die mir viel Spaß gemacht hat.

An der TU Clausthal haben Sie sich schließlich für eine Karriere in der Wissenschaft entschieden. Wie sah Ihr Alltag als Nachwuchswissenschaftler aus?

Mein damaliger Chef, Professor für Anorganische Chemie an der TU Clausthal, hat mich während meiner Promotion und Habilitation sehr unterstützt und Gelder für meine Forschung bereit gestellt. Ich war bereits zu einem sehr frühen Zeitpunkt in die Forschung involviert. Vieles ist erfolgreich vorangegangen, und ich konnte viel publizieren. Das war eine sehr prägende Zeit in meinem Leben. Zudem hatte ich einige Zeit eine Gastprofessur an der Nikolaus-Kopernikus-Universität Torun in Polen inne. Diese Erfahrung möchte ich auf gar keinen Fall missen. Da ich kein Polnisch spreche, habe ich meine Vorlesungen auf Englisch gehalten. Man hat mir die Gelegenheit gegeben, ganz Polen zu bereisen. Meine Kollegen waren sehr herzlich und die Beziehungen bestehen heute noch. Kurz, nachdem ich aus Polen nach Deutschland zurückgekommen bin, führte mich mein Weg auch schon an die TU Ilmenau.

Wie haben Sie die TU Ilmenau in Erinnerung, als Sie 1999 Ihre Stelle als Professor hier antraten?

1999 herrschte an der Universität ein richtiger Pioniergeist. Das hat mich unglaublich begeistert. Man wollte etwas erreichen und das ist auch gelungen. Ilmenau war noch sehr klein, als ich hierher gekommen bin. An der TU Ilmenau hatten wir um die 4.700 Studierende. Und es wurde viel gebaut. In diesen mehr als 20 Jahren hat sich Vieles am Stadtbild und auf dem Campus verändert.

Ihre erste Wirkungsstätte war am Institut für Physik.

Ich hatte das Glück, dass ich in ein schon restauriertes Gebäude, den Curiebau, gekommen bin. Die Tradition, die Gebäude nach renommierten Wissenschaftlern zu benennen, gab es damals schon. Dort habe ich mich sehr wohl gefühlt. Die Mitarbeiter des Instituts waren eine hervorragende Gruppe, die mich mit offenen Armen aufgenommen hat. Damals haben wir für einen Experimentierhörsaal gekämpft, weil nach den Sanierungsarbeiten am Curiebau kein Geld mehr dafür zur Verfügung stand.

Mein Vorgänger in der Chemie, Professor Heinrich Arnold, ist einfach ein hervorragender integrer Mann. Als ich seine Nachfolge übernommen habe, hat er mir gesagt: „Wenn du irgendwann einen Rat von mir brauchst, jederzeit. Ansonsten mische ich mich nicht ein.“ Man muss auch loslassen können, das habe ich von ihm gelernt. Noch heute bin ich mit Heinrich Arnold gut befreundet, unsere Familien haben sich gegenseitig besucht und gemeinsam Weihnachten gefeiert.

Kurz nachdem Sie Direktor des Instituts für Physik geworden sind, führte Sie Ihr Weg in das Rektorat der TU Ilmenau.

Der damalige Rektor der TU Ilmenau, Professor Heinrich Kern, ist zu dieser Zeit auf mich zugekommen und hat mich gefragt, ob ich nicht Prorektor für Bildung werden will. Das entscheidende Argument für mich, dieses Amt anzunehmen, war, dass ich als Prorektor die Chance sah, zu universitären Entwicklungen beizutragen. Damals konnte ich zu meinem Amt noch die Hälfte meiner Zeit der Lehre und Forschung widmen und an Konferenzen teilnehmen. Das ist heute sicherlich schwieriger geworden.

Ihre Entscheidung, 2004 als Rektor der TU Ilmenau zu kandidieren, führte zu einem Bruch mit Ihrem Vorgänger Heinrich Kern. Wie kam es dazu?

Heute bin ich mit Henrich Kern gut befreundet. Wir haben uns komplett wieder vertragen. Ich und der damalige Prorektor für Wissenschaft hatten den Eindruck, dass Vieles an uns vorbeilief, Professor Kern sehr viel alleine gemacht hat und wir nicht immer richtig einbezogen wurden. Das war das, was ich nicht wollte. Als die Neuwahlen anstanden, habe ich lange überlegt, entweder aufzuhören oder selbst als Rektor zu kandidieren. Mit knapper Mehrheit hat mich das Konzil gewählt. Damit war meine Tätigkeit in der Wissenschaft dann allerdings so gut wie zu Ende.

Was wollten Sie besser machen?

Ich hatte mir gleich ein Team gesucht: Professor Klaus Augsburg als Prorektor für Wissenschaft und Professor Jürgen Petzoldt als Prorektor für Bildung. Professor Augsburg ist vor drei Jahren aus dem Amt ausgeschieden, um sich ganz der Leitung des Thüringer Mobilitätszentrums zu widmen, während Professor Petzoldt mich bis zu meinem letzten Tag als Rektor begleitete. Wir haben uns zusammen überlegt, was man an der TU Ilmenau besser machen kann.

Unsere erste Idee war, die Autonomie der Fakultäten zu stärken und die Modelle für die Verteilung von Sachmitteln stark zu vereinfachen. Beides ist meiner Meinung nach absolut gelungen, doch es gibt im Leben fast nichts, was neben Vorteilen nicht auch Nachteile mit sich bringt.

Wie meinen Sie das?

Viele Entscheidungen, die vor 2004 nur als zentrale Entscheidung gefällt werden konnten, können jetzt auf Fakultätsebene getroffen werden. Aus meiner Sicht liegt die Expertise für solche Entscheidungen auch heute noch bei den Fakultäten, denn sie sind logischerweise viel näher an ihren Themen dran, als es ein Präsidium sein könnte. Der Nachteil ist der, dass der Zusammenhalt der Fakultäten, die letztlich eine Universität bilden sollen, schwächer geworden ist. Heute sehe ich, dass sich das dahingehend zum Nachteil ausgewirkt hat. Wir sind zu sehr fünf Fakultäten als eine Universität.

Welche Vorhaben haben Sie noch in den ersten Jahren als Rektor umgesetzt?

Die Vereinfachung der Verwaltung war ein sehr zäher und schwieriger Prozess. Wir haben uns um die Steigerung der Drittmitteleinkünfte bemüht, um mehr bewegen zu können. 2004 waren es um die 18 Millionen Euro, heute sind es ca. 40 Millionen Euro. Auch die Erhöhung der Studierendenzahlen war ein Ziel, damit wir aus dieser Gesamtheit qualifizierte Nachwuchswissenschaftler und Nachwuchswissenschaftlerinnen für die TU Ilmenau rekrutieren konnten. Zwischenzeitlich sind die Zahlen stark gestiegen, wir hatten Studierendenzahlen von mehr als 7000. Heute haben wir einen leichten Rückgang zu verzeichnen, worauf bereits mit einem ganzen Maßnahmenpaket reagiert wird.

In Ihrer Amtszeit als Rektor haben Sie die Internationalisierung der Universität stark vorangetrieben.

Heute liegt der Anteil internationaler Studierender bei mehr als 30 Prozent. Auf der Internationalen Studierendenwoche 2019 haben sie sogar gesagt, eine Universität ohne Internationalisierung ist keine richtige Universität.

Wie meinen Sie das?

Die Internationalisierung gehört zu den Herzensthemen, die ich unbedingt vorantreiben wollte. Viele sagen heute, dass ich es damit übertrieben habe. Man kann dazu unterschiedlicher Meinung sein. Meine Idealvorstellung ist, dass die Universität ein Nucleus für eine friedliche Weltgemeinschaft ist und dass wir an der TU Ilmenau vorleben, wie man friedlich miteinander leben kann. Auf unserem Campus haben wir mehr als 100 Nationen, die friedlich miteinander lernen, lehren und forschen. Natürlich hat es immer wieder Mal kleinere Probleme, aber noch nie ein durchgreifendes Problem gegeben. Wir leben hier zusammen, ungeachtet der Hautfarbe, Religion oder Kultur und freuen uns, dass es so eine große Vielfalt gibt. Ich bin schon ein Anhänger von Multi-Kulti, das darf man heute fast nicht mehr sagen, weil viele es nicht gut finden. Ich finde es gut, sich mit vielen Kulturen zu verständigen, natürlich immer im gegenseitigen Respekt und unter Anerkennung der Rechte der anderen und des Gastrechts. Keine Diskriminierung und Gewaltfreiheit – das sind unsere Prinzipien.

Wenn man das so will, heißt es, dass eine Universität, die keine internationalen Studierenden hätte, diesen Ansprüchen gar nicht genügen könnte. Wir möchten weltläufige Absolventen haben und unterstützen Outgoings. Aber selbst wenn unsere Absolventen nicht einen Teil ihres Studiums im Ausland verbringen, können sie zumindest bei uns auf dem Campus schon eine gewisse Internationalität erleben und mit Menschen aus anderen Kulturkreisen in Kontakt kommen, damit sie eine Weltsicht bekommen. Für Wissenschaftler ist das unabdingbar. Ich glaube, dass es zu wenig ist, einfach nur ein guter Fachmann zu sein.

Warum?

Man muss die weiteren Dimensionen berücksichtigen. Die Wissenschaft soll die Gesellschaft nach vorne bringen, Stichwort „Engineering the Future“. Die großen Probleme der Menschheit können wir nur durch die Wissenschaft lösen. Die Ergebnisse bei der Bearbeitung dieser Probleme müssen in die Gesellschaft hineingetragen werden. Und wir müssen die Konsequenzen dessen, was wir tun, auch erkennen. Die vornehmste Aufgabe der Wissenschaft ist aus meiner Sicht die Friedenssicherung und Welfare. Das sind die beiden Dinge, die die Wissenschaft der Welt geben kann.Wenn man Friedenssicherung ernst meint, muss man sich international bemühen. Wenn man das nicht tut, fehlt eine ganz wichtige Facette. Das ist für mich dann keine vollständige Universität.

An der TU Ilmenau forscht man zu den Fragen der Zukunft. Besonders oft erwähnen Sie in diesem Zusammenhang die Energiefrage. Warum ist diese so relevant?

Ich habe oft das Energiethema angesprochen. Wenn alle Menschen auf der Welt mit einer für ihre Bedürfnisse angemessenen Menge elektrischer Energie versorgt werden können, dann haben wir einen Großteil der Probleme gelöst. Elektrische Energie ist eine universelle Energieform, aus der man fast alles erzeugen kann: Wärme, Kälte, Licht oder mechanische Bewegung. Ein Beispiel aus der Anwendung ist die Entsalzung von Meerwasser. Israel beispielsweise hatte früher ein Wasserproblem, heute versorgt sich das Land fast ausschließlich über Umkehrosmose des Meerwassers mit Trinkwasser.
Zum Glück ist die Erzeugung elektrischer Energie relativ einfach. Manche denken, wir als Menschheit haben ein Energieproblem. Das stimmt so nicht, denn wir haben genug Energie durch die Sonne. Wenn wir es schaffen, uns genügend regenerative Energien zu Nutze zu machen, haben wir das Energieproblem im Grunde gelöst. Innerhalb von wenigen Jahrzehenten wird das der Fall sein, da bin ich zu 100 Prozent überzeugt. Hier muss etwas getan werden, um die Menschen weltweit mit solchen Energien zu versorgen, damit sie eine Chance haben, sich zu entwickeln. Elektrische Energie ist die Schlüsselfrage für die Entwicklung der Menschheit.

In der Recycling-Wirtschaft werden wir in Zukunft andere Lösungen brauchen. Wir werden erleben, dass bestimmte Rohstoffe knapp werden. Aus Lagerstätten werden Rohstoffe wie Metalle abgebaut und letztendlich in der Welt verstreut. Irgendwann werden diese Lagerstätten ausgebeutet sein. Wir brauchen ein nachhaltiges Denken in Zyklen, anderenfalls droht uns die Gefahr eines Rohstoffmangels.

Die TU Ilmenau betreibt Forschung auf hohem Niveau. Wie ist das an einer so kleinen Universität möglich?

Man kann nicht in allen Dingen Spitze sein, das können selbst große Universitäten nicht. Wir haben einige Leuchttürme, die herausragend sind. Die Forschung außerhalb dieser Leuchttürme ist natürlich auch sehr gut und trägt zur Fundamentierung dieser bei. Ein gutes Beispiel ist die Nanopositionier- und Nanomessmaschine, die vor kurzem den Thüringer Forschungspreis erhalten hat. Diese Maschine ist die beste in der Welt. Die TU Ilmenau ist weltweit bekannt für ihre Präzisionsmesstechnik. Unter dem Dach der Nanopositioniermessmaschine haben sich fast 40 wissenschaftliche Disziplinen versammelt, die zu ihrem Erfolg beigetragen haben. Diese Zusammenarbeit ist für eine Universität sehr angemessen – dass man sich zu einem großen Forschungsthema zusammenfindet. Zudem haben wir fakultätsübergreifende Institute und Strukturen geschaffen, darunter das IMN, das Zentrum für Energietechnik oder das Life Science Technologies Institut. Sie sind an einer interdisziplinären Forschung entlang konstruiert und machen nicht Halt an Fakultätsgrenzen. Dass wir diese Strukturen geschaffen haben, war eine ganz wesentliche Neuerung.

Auch die Gründung der Campus Familie haben Sie vorangetrieben.

Ich sehe die Universität wirklich als eine Campus Familie mit dem Fokus Mensch. Wir schließen alle ein, die bei uns auf dem Campus arbeiten – also nicht nur die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und Studierenden, sondern auch die Mitarbeiter des Studierendenwerks und der Betriebsgesellschaft. Sie gehören auch dazu. Mit der Gründung der universitätseigenen Betriebsgesellschaft haben wir sichergestellt, dass Dienstleistungen wie Gebäudereinigung fair nach Tarifvertrag vergütet werden. Das war mir ein persönliches Anliegen. Wir alle verbringen den Großteil unseres Lebens an unserer Arbeitsstelle und unsere Universitätsmitglieder sollen gerne dorthin gehen. Das ist natürlich eine Idealvorstellung, aber man sollte zumindest dieses Ziel haben.

Welche Erlebnisse haben Sie nach 16 Jahren Amtszeit besonders gut in Erinnerung?

Die Kinderuni und die Internationale Studierendenwoche waren für mich immer Herzensangelegenheiten. Ich finde es einfach schön, wenn man sieht, mit welcher Begeisterung Studierende aus vielen Ländern hierherkommen, um mit uns zu diskutieren und wie empathisch und zugewandt sie sind. Das ist etwas Besonderes. Meine schönsten Tage an der Uni waren, wenn ich mit ihnen reden konnte und ich gesehen habe, wie ihre Augen leuchteten  –  einfach, weil sie sich freuten, sich hier in Freiheit und Sicherheit treffen zu können: das ist richtige Universität.

Es gab viele dieser Highlights. Ein ganz besonderes für mich war immer die Lange Nacht der Technik, die auch von mir initiiert wurde. Ich fand sie immer faszinierend und es hat mir unglaublich Spaß gemacht. Dazu zählen auch die Aufführungen, in denen ich Faust spielen durfte. Der große Anklang in der Bevölkerung mit teilweise 15 000 Besuchern hat mich sehr gefreut, aber auch die Tatsache, wie gerne sich die ganze Universität an der Langen Nacht der Technik beteiligt hat. Viele sind mit Ideen auf das Referat Marketing zugekommen und haben ihre Beteiligung angeboten. Es war eine Gemeinschaftsleistung. Alle standen hinter der Veranstaltung, die Akteure aus der Universität, Stadt und Wirtschaft arbeiteten zusammen, so, wie es sein sollte.

Was ich auch sehr toll fand, waren die Konzerte im Audimax. Wir haben tolle Konzerte erlebt. Es war toll, das mitzuerleben. Die Begegnungen bei wissenschaftlichen Kolloquien, der ISWI oder dem Dies Academicus waren spannend. Sehr beeindruckend für mich war damals die Begegnung mit dem inzwischen leider verstorbenen Bundeskanzler Helmut Schmidt. Wir haben zwei Stunden im Rektorat mit ihm geredet, als er zum Dies Academicus an die TU Ilmenau angereist ist. Hier hat er eine Rede über Globalisierungsfragen gehalten. Er war wirklich eine faszinierende Persönlichkeit. Es ist schön, Menschen kennenzulernen, die man sonst nur aus den Medien kennt. Man ist manchmal überrascht, wie sie im persönlichen Kontakt sind. Manche Einschätzung muss man dann stark revidieren. Zum Beispiel besuchte einst der ehemalige Bundespräsident Roman Herzog die TU Ilmenau, der sich als ein ganz reizender lieber Mensch erwiesen hat. Völlig unprätentiös und bescheiden.

Wie läuft ein Tag als Rektor ab?

In der Regel war mein Tag von morgens bis abends durchgeplant. Ich fange zwischen 8 und 9 Uhr an und versuche zwischen 17 und 18 Uhr aufzuhören, um Zeit mit meiner Familie und meinem Pferd zu verbringen - vorausgesetzt, es finden keine Abendveranstaltungen statt. Das Tagesgeschäft nahm  den Großteil meiner Zeit ein: Korrespondenzen, Verträge und Urkunden unterzeichnen und Besprechungen zu Themen, die zu meinem Geschäftsbereich zählten. Dazu gehörten das  Rechenzentrum, die Universitätsbibliothek, die Referate Marketing und Medien und Öffentlichkeitsarbeit, das International Office und das Universitätssportzentrum. Natürlich auch Abstimmungen im Rektorat mit den anderen Geschäftsbereichen und dem Regionalmanagement sowie die Teilnahme an offiziellen Veranstaltungen, oft mit politischen Vertretern. Dann gibt es die Nebentätigkeiten wie die Treffen der Universitätsgesellschaft. Ich bin in den Aufsichtsräten von mehreren Institutionen, darunter die Hochschulrektorenkonferenz, der DAAD oder die Akademie gemeinnütziger Wissenschaften zu Erfurt. Auch Auslandsreisen gehörten zu meinem Berufsalltag, denn meine Erfahrung ist, wenn man das Auslandsgeschäft ernst nimmt, muss man auch dort hinfahren und den Menschen zeigen, dass man an ihnen interessiert ist.

Wie oft halten Sie heute noch Vorlesungen?

Heute mache ich zwei bis vier Stunden Vorlesungen in der Woche. Durch dieses Vorlesungsgeschehen habe ich den Kontakt zu meinem Fachgebiet behalten und konnte mich etwas am Forschungsgeschehen beteiligen. Ab und zu habe ich an einigen wissenschaftlichen Konferenzen teilgenommen, aber natürlich nicht so intensiv wie vorher. Das schafft man zeitlich einfach nicht.

Während Ihrer Amtszeit haben Sie Begriffe wie das Humboldtsche Bildungsideal an der TU Ilmenau etabliert. Wie fassen Sie dieses auf?

Für mich ist das der zentrale Begriff der Universität. Ich denke, dass Forschung und Lehre eine Einheit bilden sollten – genauso wie die Dozenten und Studierenden. Sicherlich kann nicht jeder Forscher ein guter Dozent sein und umgekehrt – aber völlig separiert würde ich das nicht betrachten. Es gibt im Moment eine Tendenz, von Forschungs- oder Lehruniversitäten zu sprechen. Ich finde, Forschung und Lehre müssen an einer Universität den gleichen Stellenwert haben.

Auch „Spirit of Science“ hat sich als Motto der TU Ilmenau etabliert. Warum haben Sie sich für diesen Satz entschieden.

Wir haben sehr lange um diesen Satz gerungen. Der Grund, warum wir uns für ein englischsprachiges Motto entschieden haben, liegt vor allem daran, dass es für das Wort „Spirit“ keine richtige Übersetzung gibt. Das Wort hat etwas Motivierendes, aber auch etwas von Pioniergeist. Wir an der TU Ilmenau begreifen die Wissenschaft als etwas Positives, denn sie wird teilweise auch mit negativen Dingen assoziiert wie die schmutzige Chemie, die zu Umweltschäden führt. Für uns geht es zunächst um die Erkenntnis, das höchste Ziel der Wissenschaft. Doch wir müssen auch im Fokus haben, was mit dieser passiert. Das ist für mich Spirit of Science.

Haben Sie nach einer langjährigen Karriere als Wissenschaftler erkannt, was die Welt im Innersten zusammenhält?

Die letzten Erkenntnisse hat kein Mensch. Das kann auch kein Mensch oder eine Weltgemeinschaft haben. Man lernt vor allem Demut vor der Natur und ähnlich wie bei Faust, „Ich weiß, dass ich nichts weiß“, dass keine Theorie die Wirklichkeit vollständig abbildet. Unser wissenschaftlicher Fortschritt basiert auf Ergebnissen, die eine aktuell bestmögliche Beschreibung der Wirklichkeit ermöglichen. Wir können uns der Wirklichkeit immer nur annähern, aber nie wirklich darstellen. Wir werden immer neue Erkenntnisse haben, die diese Theorien in Frage stellen werden und müssen. Die Wissenschaft liefert keine absolute Wahrheit, sie findet in einem ständigen Diskurs statt, und so nähert man sich der Wahrheit immer mehr an.

Mit welchem Gefühl verlassen Sie das Präsidium und welchen Projekten widmen Sie sich nach Ihrer Zeit als Rektor?

Es gibt verschiedene Optionen, im Moment überlege ich und weiß noch nicht, was ich machen werde. Deshalb kann ich noch nicht sagen, mit welchem Gefühl ich gehe. In jedem Fall werde ich mich nicht zurückziehen. Eine mögliche Option ist, wieder am Fachgebiet zu arbeiten, in die Forschung einzusteigen und mehr Lehre zu machen. Darauf könnte ich mich sehr freuen. Vielleicht werde ich mich mehr im internationalen Geschäft bewegen.

Ich bin gerade erst Präsident des World Technology Universities Network (WTUN) geworden, das vor einigen Jahren gegründet worden ist. Das Motto des Netzwerkes lautet: „Knowledge is everywhere.“ So gehen wir an die weltweite Zusammenarbeit heran, gerade für bestimmte Problemstellungen, die weltweit relevant sind und nur gemeinsam angegangen werden können. Wissenschaftlichen Entwicklungsländern begegnet das Netzwerk auf Augenhöhe, weil man weiß, dass es Wissen und Fertigkeiten überall gibt. Wir wollen voneinander lernen. Diesen neuen Ansatz finde ich sehr charmant und ich hoffe, dass wir in Zukunft noch sehr viel davon hören werden.

Ich denke, dass man im Leben immer nach vorne schauen sollte und sich auf die Dinge freuen kann, die es bereithält. Man muss die Chancen, die sich bieten, nutzen.

Das Interview führte Eleonora Hamburg