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Studium in Kasan

Kasan – Stadt der tausend Kulturen

Warum Russland? Sprichst du Russisch? Und ist deine Jacke warm genug? – das waren die häufigsten Fragen, die mir während meines Auslandssemesters in Kazan gestellt worden sind. Und aufs Neue werde ich sie in diesem Text beantworten.

Von Annika Keilholz,  GRIAT-Austauschstudierende im Programm Automotive Engineering

Russland ist anders. Es ist zu hundert Prozent anders als man es sich vorstellt. Russland habe ich als ein unfassbar gastfreundliches Land mit vielen verschiedenen Kulturen kennengelernt. Schon an meinem ersten Tag in Kazan, als ich im strömenden Regen mit ausufernder Verspätung am Flughafen angekommen bin, wurde ich herzlich empfangen und erst mal von einer Studentin, die im gleichen Wohnheim wie ich untergebracht war, zu einer Tasse Tee eingeladen. Tee trinken ist eh eine wundervolle Tradition in Russland, man trinkt eigentlich zu jeder Tages- und Nachtzeit schwarzen oder grünen Tee gemeinsam. In dem Wohnheim habe ich im Stockwerk zusammen mit anderen internationalen Studenten aus aller Herren Länder und den russischen GRIAT-Studenten (German Russian Institute of Advanced Technology) gelebt. Das Wohnheim an sich ist eher wie eine Jugendherberge. Oder wie man es aus den amerikanischen College-Filmen kennt. Man teilt sich zu zweit, dritt oder viert einen Raum, indem nicht viel mehr als ein Stuhl pro Bewohner, ein Tisch, ein Schrank und für jeden ein Bett Platz findet. Ich war im neueren Bereich des Wohnheims untergebracht, deshalb blieb mir das Etagenbad erspart und wir hatten zusammen ein Badezimmer am Zimmer. Pro Etage teilt man sich eine Küche und eine Waschmaschine. Zunächst war ich etwas, sagen wir mal kritisch, ob ich es auf Dauer so dicht an dicht mit meinen Mitbewohnerinnen aushalten würde; wir waren zu dritt in einem Raum. Aber im Wohnheim zusammen mit einer russischen bzw. tartarischen GRIAT-Studentin und einer Chinesin zu leben, war eine der besten Entscheidungen, die ich in meiner Zeit in Russland getroffen habe. Guzel hat mir nicht nur die russische Küche und typische Milchprodukte Russlands sondern auch ein Stückchen russische Kultur näher gebracht. Und wir sind im Laufe des halben Jahres zu richtig dicken Freunden geworden. Da unser Zimmer eines der größten war, hat es sich zu einem offenen Zimmer entwickelt. Das heißt, eigentlich hatten wir fast immer bis spät nachts Besuch von unseren Nachbaren, und wir haben wirklich sehr viel Blödsinn und Spaß zusammen gehabt. Ob es ein improvisierter „Karaoke-Abend“, oder einfach nur Geschichten erzählen bis tief in die Nacht war; langweilig ist es im Wohnheim nie. Und ich kann jetzt glaube ich auch bei jeder Situation schlafen.  Aber das gehört wohl auch zur Grundentspannung, die ich mir in Russland zu Eigen gemacht habe. Es passieren in Russland sagen wir mal sehr viele Dinge, bei denen man den Grund nicht sofort erkennt. Beispiel: Als ich einmal unwissend von der Uni heimgekommen bin, war der Putz von den Fenstern geschlagen. Man hatte wohl die Isolierung beim Einbau der Fenster vergessen. Alles gut, nur das Loch blieb dann noch für die restlichen sechs Wochen offen. Anderes Land, andere Sitten. Ein weiteres Beispiel ist Bürokratie. Russen lieben Bürokratie, und das sogar noch mehr als die Deutschen. Und die bevorzugte Form der Bürokratie ist Papier. Das die eine Stelle nicht genau weiß, wo ich den Zettel herbekomme, den sie benötigt um mir einen anderen Zettel zu überreichen, muss ich wohl nicht dazu sagen. Und nachdem man von Pontius zu Pilatus unterwegs war, hat man dann auch irgendwann die Bibliothekszugangskarte. Auch wenn man eigentlich einen Studentenausweis beantragt hat. Zum Glück und hiermit bedanke ich mich nochmal tausendfach, hatte ich soo viele hilfsbereite, geduldige Leute, die mir den Start in mein Studienleben erleichtert haben und die mir mit bürokratisch hochaufwendige Angelegenheit, wie Immatrikulation zur Seite gestanden haben. Ich habe mich somit nie allein gelassen gefühlt oder überfordert mit dem Organisatorischen.

Mein Studium war in luxuriösen Gruppengrößen von etwa zehn Studenten. In Kazan ist man kein Erasmusstudent unter vielen. Im Gegensatz – ich war der einzige Austauschstudent der TU Ilmenau in diesem Semester und so habe ich an den Kursen an der Universität zusammen mit den russischen GRIAT-Studenten teilgenommen. Die Kurse waren zum Glück auf Englisch. Die Themengebiete, die ich in Russland besucht habe, sind weitgefächerter als an meiner Universität in Deutschland. So habe ich von „philosophischen Problemen des Ingenieurwissens“, „Mechanisches Design“ bis hin zu „Neuronale Netzwerke“ aus der Informatik besucht. Am KAI hatte ich meist erst ab vier Uhr Vorlesungen und dann wurde erst eine knappe Stunde Theorie erklärt um dann einen praktischen Teil anzuschließen, indem die Studenten selbstständig das behandelte Wissen anwenden konnten. Vormittags hatte ich dann intensiven Russischkurs. Im universitären Umfeld kann man sich gut auf Englisch verständigen, was allerdings außerhalb der Universität überhaupt nicht mehr funktioniert. Deshalb sollte man auf jeden Fall Russisch lernen. Zum Glück habe ich an meiner Universität in Deutschland bereits einen Sprachkurs mitgemacht, sodass ich zumindest die Schrift und Basics kannte. Aber dadurch, dass ich sehr viele russische Freunde gefunden habe, habe ich mich auch schnell auf Russisch verständigen können. Die Universität an sich hilft dabei wo sie kann. Jeden Vormittag wurde ich in Grammatik und Umgang mit der Sprache unterrichtet. Den Samstagnachmittag habe ich dann im Gegensatz dazu genutzt um Deutschkurse zu geben. Diese werden vom deutschen Haus in Kasan angeboten. Das ist eine Organisation, die sich mit der deutschen Sprache und Kultur beschäftigt und somit Muttersprachler mit offenen Armen empfängt. Also habe ich am Nachmittag bei den Kindersprachkursen und abends beim Jugendkreis geholfen. Dort habe ich auch viele neue Freunde gefunden. Aber das kann man in Kazan gar nicht verhindern. Egal wo ich hin kam waren die Leute so herzlich und haben mich willkommen geheißen, was heutzutage nicht überall selbstverständlich ist.

Weitere Highlights meines Auslandssemesters waren die Weihnachtsferien, in denen mich meine Freunde aus Deutschland besucht haben. Nachdem ich ihnen Kasan gezeigt habe, sind wir mit einem russischen Nachtzug zum wunderschön verschneiten Moskau gefahren. Und natürlich der Schiausflug in den 16-Stunden-Busfahrt entferntes Ural-Gebirge. Man muss dazu sagen, dass Distanzen in Russland etwas anders eingeschätzt werden. Eine Freundin hat mir das so erklärt. Wenn sie jemand fragt, wo sie herkommt, sagt sie, sie komme aus Kasan, das ist in der Nähe von Moskau. Dabei muss man wissen, dass zwischen Kasan und Moskau in etwa 800 km liegen…

Und um nun auch zur letzten Frage zu kommen. Ja meine Jacke war größtenteils warm genug, obwohl die meisten Einheimischen meine für russische Verhältnisse „dünne“ Winterjacke kritisch beäugt haben. Der russische Winter hat seinem Namen alle Ehre gemacht. Geschneit hat es ab Ende Oktober und die Temperaturen sind stetig gesunken, bis das Minimum von -31°C im Dezember erreicht war. Riesige Eiszapfen sind von den Dächern gewachsen und der Schnee hat sich zu mannshohen Haufen aufgetürmt. Die Zeit in Russland hat mir vieles gezeigt. Nicht nur wie man in einen wirklich frostigen Winter zurechtkommt, sondern auch wie man sich als Ausländer in einem  fremden Land fühlt. Und wie wundervoll es sich anfühlt, wenn man in einem fremden Land willkommen geheißen wird.

Wenn man sich dafür entscheidet ein Auslandssemester in Kazan zu verbringen, muss man sich eines gewiss sein: In Kazan bist du nicht irgendein Erasmusplusstudent; in Kazan bist du ein Student einer befreundeten Universität und somit ebenfalls ein gerngesehener Gast. In Kazan bist du kein Ausländer, in Kazan bist du ein herzlich willkommener Freund