DEUTLICHES ZEICHEN DER TOLERANZ

von Juliane Neidhardt

     

Die TU Ilmenau bietet heute durch viele internationale Projekte und ein wachsendes englischsprachiges Studienangebot auch vielen internationalen Studierenden Raum zum Lernen. Zum Wintersemester 2021/22 hatten von 4889 eingeschriebenen Studierenden 1679 keine deutsche Staatsbürgerschaft, das entspricht einem Anteil von 33,3%. Im Jahr 1992 sah das noch ganz anders aus. Von den 2507 Studierenden des Wintersemesters 1991/92 kamen nur 228 aus dem Ausland, also etwa 9%.

     

Fremdenfeindlicher Übergriff

Leider gestaltete sich das Zusammenleben in Ilmenau nicht so reibungslos, wie es selbstverständlich sein sollte. Rassismus und Fremdenfeindlichkeit führten im April zu einem erschütternden Vorfall. Am 13.04.1992 wurde ein ausländischer Student der TH angegriffen und zusammengeschlagen. Der genaue Tathergang lässt sich aus den vorliegenden Akten leider nicht mehr konstruieren. Der Student soll gerade auf dem Weg zur Kirche gewesen und unter Rufen von rassistischen und fremdenfeindlichen Parolen bis zur Unkenntlichkeit verletzt worden sein.

         

Stellungnahme

Hochschule und Studierendenschaft positionierten sich im Anschluss klar gegen solche Taten. Eine Stellungnahme dazu erschien sowohl im Ilmenauer Hochschulblatt als auch in der Thüringer Allgemeinen. Auch der Hochschulfunk thematisierte den Angriff. In der Stellungnahme wurde diese "Verletzung der elementarsten Menschenrechte und die Anwendung gegen Gewalt gegen Andersfarbige" aufs Schärfste kritisiert. Man rief auch die Bevölkerung Ilmenaus zur Solidarität auf und hoffte auf Unterstützung durch die Polizei. Ob diese in der Lage war, die Angreifer zu fassen ist ebenso wenig überliefert wie der Gesundheitszustand des angegriffenen Studenten.

Fest steht allerdings, dass die Polizei als Reaktion eine Gesprächsrunde an der Hochschule veranstaltete. Ein Hauptkommissar gab den interessierten Studierenden Tipps, wie man sich im Rahmen der Gesetze schützen kann.

 
     
ISWI-Orgateam (Quelle: Universitätsarchiv Ilmenau, Neg_930516-6a)

ISWI

Die Ilmenauer Studierendenschaft reagierte auf diesen Rassismus keineswegs mit Rückzug. Im Gegenteil: Interessanterweise taucht kurz nach dem Angriff zum ersten Mal die Idee für die Internationale Studierendenwoche Ilmenau (ISWI) auf. Ein direkter Zusammenhang lässt sich hier natürlich nicht mehr feststellen. Vielmehr wurde die Idee dieser von Studierenden für Studierende organisierten Konferenz wohl vom ISFiT (International Student Festival in Trondheim) inspiriert. In der Ausgabe 3/92 des Studentenmagazins GURU am 4. Mai 1992 steht der begeisterte Reisebericht eines Studenten verbunden mit dem Wunsch, ein ähnliches Event auch in Ilmenau zu veranstalten. Gleich im Anschluss findet sich ein Aufruf, bei der Organisation der ersten ISWI 1993 zu helfen.

Anstatt also vor rassistischen Ideologien zurück zu schrecken, gelang es den Ilmenauer Studierenden, Solidarität, Toleranz und Weltoffenheit auf außergewöhnliche Weise zu demonstrieren. Die ISWI findet seit 1993 alle zwei Jahre in Ilmenau statt. Sie ist inzwischen die deutschlandweit größte internationale Studentenkonferenz. Die nächste findet im Jahr 2023 statt.