DAS VERSPÄTETE PERSONAL- UND VORLESUNGSVERZEICHNIS

von Anja Kürbis

     

Am ersten April 1992 begann das Sommersemester an der Technischen Hochschule Ilmenau. Die Studenten waren angereist, die Lehrkräfte vorbereitet - was fehlte, war ein Vorlesungsverzeichnis. Ein offener Brief brachte eine Diskussion über das Personal- und Vorlesungsverzeichnis der Hochschule ins Rollen.

     

Genese des Personal- und Vorlesungsverzeichnisses

Das Personal- und Vorlesungsverzeichnis der Technischen Hochschule Ilmenau erschien erstmals zum Frühjahrsemester 1954. Es umfasste gerade einmal 42 Seiten und führte neben den Namen und persönlichen Anschriften des Verwaltungspersonals und der Hochschullehrer  insgesamt 15 Vorlesungen auf. Im Zuge der Dritten Hochschulreform in der DDR wurde das Erscheinen des mit Ablauf des Herbstsemesters 1968/69 auf 146 Seiten angewachsenen und nach Matrikel geordneten Personal- und Vorlesungsverzeichnisses eingestellt und durch auf die einzelnen Matrikeln zugeschnittenen Loseblattsammlungen ersetzt. Nach 22 Jahren, zum Herbstsemester 1990/1991, erfolgte die Reaktivierung des Personal- und Vorlesungsverzeichnisses im alten Stil. Im Sommersemester 2008 erschien das inzwischen 526 Seiten umfassende Verzeichnis ein letztes Mal im Druck. Seitdem sind die Inhalte, wie das Personalverzeichnis, die Lehrveranstaltungen und Räumlichkeiten sowie die Campuspläne, auf mehreren Onlineplattformen ausschließlich elektronisch verfügbar.

 
         

Ein offener Brief

Ralph Michael, Mitglied des Referates Studium im Studentenrat, machte in einem hochschulöffentlichen Schreiben vom 15. April 1992 (Quelle:  IHB 35, 1992, Nr. 7, S. 5) seinem Ärger Luft. Denn es war nicht das erste Mal, dass das Personal- und Vorlesungsverzeichnis nicht rechtzeitig zur Verfügung stand. Die Studierenden mussten sich in Aushängen und Einzelblättern ihre Lehrveranstaltungen zusammensuchen. Der Autor kritisierte nicht nur das 'magere Angebot an Vorlesungen', sondern v.a. die mangelnde Abstimmung zwischen den Struktureinheiten der Hochschule."

"Was wir jetzt vorliegen haben - oder besser gesagt nicht vorliegen haben - ist das Ergebnis von mangelnder Zusammenarbeit und Koordinierung zwischen den Fakultäten, dem Dezernat Planung, dem Dezernat für Akademische Angelegenheiten, dem Prorektor für Bildung und nicht zuletzt dem Referat für Öffentlichkeitsarbeit." Mit Forderungen nach personellen Konsequenzen im Referat für Öffentlichkeitsarbeit, einem neuen Konzept für ein systematisches Vorlesungsverzeichnis sowie eine bessere Organisation schloss Ralph Michael sein Statement.

 
     

Reaktionen

Bereits eine Woche zuvor hatten die studentischen Vertreter in der Sitzung des Senates (Quelle: UAI, Senatssitzung vom 07.04.1992) den Antrag gestellt, die Stelle des Dezernenten für Öffentlichkeitsarbeit neu zu besetzen und eine koordinierte und verstärkte Studierendenwerbung zu betreiben. Ausgenommen der personellen Konsequenzen stimmte der Senat dem Anliegen der Studierenden zu. Der angesprochene Dezernent, Dr. Frank, sah sich ob der massiven Unzufriedenheit an der unkoordinierten und laienhaften Öffentlichkeitsarbeit (so der Tenor des Artikels im Guru Nr. 19, 4. Mai 1992, S. 2-3)  genötigt, auf die Kritik zu reagieren und bot in derselben Ausgabe der Hochschulzeitung, in der auch der öffentliche Brief Michaels erschienen war, ein Gespräch an. Und auch Prof. Noack, der damalige Prorektor Bildung, äußerte sich am selben Ort und nahm die Anregungen der Studierenden konstruktiv auf.

           

Folgen

Verspätet, aber eben doch, erschien das Personal- und Vorlesungsverzeichnis des Sommersemesters 1992, welches sich aber aufgrund des Preises von 5,- DM und der Vorabinformationen als Ladenhüter erwies. Die Kritik jedoch blieb nicht ohne Folgen: Im Wintersemester 1992/1993 erschien das Personal- und Vorlesungsverzeichnis nicht nur pünktlich, die Lehrveranstaltungen wurden auch, wie von den Studierenden vorgeschlagen, systematisch und nicht mehr nach Matrikeln geordnet aufgeführt. Diesem Organisationsprinzip folgt das elektronische Vorlesungsverzeichnis noch heute.