WAHRNEHMUNG IN DER POLITIK

von Juliane Neidhardt

     

Im Mai 1992 erhielt die Technische Hochschule Ilmenau viel Besuch. Ähnlich wie bei der zum Tag der offenen Tür stattgefundenen Podiumsdiskussion kamen die Besucher vor allem aus der Politik. Dabei wurde auch immer wieder die schwierige finanzielle Situation von Hochschule und Land thematisiert.

     
Ministerpräsident Vogel stellt sich der Diskussion (Quelle: UAI, Negativ 920430_3-25)

Besuch des Ministerpräsidenten Dr. Bernhard Vogel

Ende April, am 30.4.1992, besuchte der Thüringer Ministerpräsident Dr. Bernhard Vogel die Technische Hochschule. Der Politiker hielt einen kurzen Vortrag vor den Angehörigen der Hochschule, den er schnell zu einer Diskussion öffnete. Er wollte wissen, wie die Studierenden und Mitarbeitenden mit der aktuellen Situation umgingen. Diese hatte sich im voranschreitenden Jahr nicht eben verbessert. Die finanzielle Lage war nach wie vor mehr als angespannt. Insbesondere die Studenten waren immer weniger zufrieden mit dem Umgang von Landesregierung und Hochschulleitung mit der Situation. In der Studierendenzeitschrift GURU leitete ein Student seinen Artikel mit folgenden Worten ein:

"Thüringen befindet sich in Geldnöten. Das hat bis auf die Diäten der Abgeordneten des Thüringer Landtags auf fast alles eine entsprechende Wirkung, auch auf die Hochschulen." (Quelle: GURU 4, 1992, S. 2)

Hintergrund dieser Aussage war die Streichung von sechs Professuren, die von der Landesregierung angeordnet und von der Hochschulleitung ohne weiteres bestätigt worden war. Für die Studenten, die noch im Januar für eine bessere Personalausstattung protestiert hatten, war diese Handlung unverständlich.

Rektor Prof. Köhler äußerte indes zum ersten Mal die Sorge, die angestrebten Studentenzahlen für das Wintersemester könnten vielleicht nicht erreicht werden. Der Ministerpräsident war davon aber noch immer überzeugt und meinte, der Rektor werde ihn aufgrund des baldigen Studentenansturms wohl demnächst bitten, mit der Werbung für die Hochschule aufzuhören. (Quelle: ihb 7, 1992, S. 01)

 
         
Präsident der HRK im Senat (Quelle: UAI, Negativ 920521-24)

Besuch des Präsidenten der Hochschulrektorenkonferenz

Auch Prof. Hans-Uwe Erichsen, Präsident der Hochschulrektorenkonferenz, besuchte am 21.5. Ilmenau. In einer extra anberaumten Senatssitzung (ein schriftliches Protokoll ist nicht überliefert) ging es unter anderem um die Entwicklungskonzeption der Hochschule. Aber natürlich wurde die Finanz- und Personalsituation ebenfalls thematisiert.

Prof. Erichsen benannte als Problem, dass das Finanzierungsmodell der westdeutschen Hochschulen einfach auf die ostdeutschen übertragen wurde, ohne zu beachten, dass die westdeutschen Hochschulen deutlich unterfinanziert sind. Bei der Jahresversammlung der Hochschulrektorenkonferenz, bei der Rektor Köhler und Prof. Schipanski ebenfalls anwesend waren, forderte Erichsen zur Entlastung der Hochschulen mindestens 30 000 Wissenschaftler und 15 000 andere Mitarbeiter einzustellen und 300 000 Studienplätze neu zu schaffen. (Quelle: ihb 9, 1992, S. 01)

Beim Besuch von Dr. Norbert Lammert, Vertreter des Bundesministeriums für Bildung und Wissenschaft, am 15.05. sprach sich dieser für eine Stärkung der nicht über Hochschulen erworbenen Ausbildung aus. Auch er sah ein Problem im Massenansturm auf die westdeutschen Hochschulen, meinte aber, dass es keinen signifikanten Zusammenhang zwischen dem Massenbetrieb und den steigenden Studienabbruchquoten gebe. (Quelle: ihb 9, 1992, S. 02)

     

Besuch der Bundestagsabgeordneten Claudia Nolte

Die CDU-Bundestagsabgeordnete Claudia Nolte, selbst Absolventin der Hochschule, engagierte sich sehr für Ilmenau. Viele Besuche kamen mit ihrer Hilfe zustande. So lud sie den Chef der Jenoptik GmbH, Lothar Späth, ein, um das Fundament für eine künftige Zusammenarbeit zwischen Jenoptik und Technischer Hochschule zu legen. (Quelle: ihb 7, 1992, S. 04)

Kurz darauf kehrte Frau Nolte mit Vertretern der CDU-Arbeitsgruppe Frauen und Jugend zurück, um sich vor allem über die Belange der StudentInnen mit Kind zu unterhalten. Dabei kam die Sprache natürlich auch auf die Hochschul-Kinderkrippe, deren weitere Finanzierung noch nicht gesichert war. In einem daraufhin anberaumten Gespräch wurde entschieden, dass drei Arbeitskräfte durch das Studentenwerk und vier weitere über das Arbeitsamt finanziert werden sollten. So war der Krippenbetrieb zumindest auf ein weiteres Jahr gesichert. (Quelle: ihb 9, 1992, S. 02)

           

Interessant ist übrigens, dass auch Angela Merkel die Hochschule 1992 besuchte, ebenfalls in Begleitung von Frau Nolte. Die damalige Bundesministerin für Frauen und Jugend sprach im November mit Studierenden und Mitarbeitenden über zwei Jahre deutsche Einheit.