Viele verbinden ein Ingenieurstudium mit trockener Theorie und mathematischem Höchstanspruch. Doch das Orientierungsangebot der TU Ilmenau zeigt: Es geht auch kreativ, mit jeder Menge Teamgeist – und einem eigenen Projekt schon vom ersten Semester an.
Zu theoretisch, zu anspruchsvoll, nur etwas für Mathegenies – so stellen sich viele ein ingenieurwissenschaftliches Studium vor. Dass hinter Formeln und Gleichungen aber auch viel Raum für praktisches Arbeiten und kreative Ideen steckt, lernten 24 Erstsemesterstudierende verschiedenster Ingenieurstudiengänge im vergangenen akademischen Jahr im Rahmen der Orientierungsangebote der TU Ilmenau.
Das 2022 erstmals angebotene Programm kombiniert Einblicke in verschiedene Ingenieurdisziplinen, Teamprojekte und Kurse zur persönlichen Entwicklung. „Zwar gab es damals bundesweit bereits ähnliche Modelle, aber sie waren nicht immer MINT-spezifisch oder boten keine semesterbegleitende Orientierung“, erklärt Vizepräsidentin für Studium und Lehre Prof. Anja Geigenmüller den Ilmenauer Ansatz.
Unsere Überlegung war, etwas anzubieten, das für ein ingenieurwissenschaftliches Studium motiviert. Wir wollten es durch andere Lehrformen und -inhalte leichter machen, sich mit notwendigen Grundlagen auseinanderzusetzen, unter anderem weil klarer wird, wie man diese Grundlagen in der späteren beruflichen Praxis einsetzen kann. Wir wollten Studierende ermuntern, ihr Studienfach zu entdecken, ihre Interessen weiterzuentwickeln und sich zusätzliche Perspektiven für ihren Weg durch das Studium zu eröffnen.
Persönliche Begleitung: „Tief in der DNA der TU Ilmenau verankert“
Aus dieser Idee entstand das erste Orientierungsprogramm speziell für Studierende der Ingenieurwissenschaften an der TU Ilmenau. „Uns war dabei die persönliche Begleitung Studierender und eine gezielte Unterstützung und Förderung individueller Talente und Begabungen wichtig“ – ein Anspruch, der laut Prof. Geigenmüller „tief in der DNA der TU Ilmenau verankert ist“. Außerdem sollte die Flexibilität geschaffen werden, sich zu Beginn des Studiums gegebenenfalls auch für einen anderen Studiengang zu entscheiden, so die Vizepräsidentin:
Den eigenen Studiengang zu wechseln, weil man während der Orientierung seine eigentlichen Talente und Interessen entdeckt hat, ist um so Vieles besser als sich an ein Fach zu binden, das man nicht liebt, mit dem man sich nicht identifiziert und in dem man dann auch keine guten Leistungen bringen kann.
Von Anfang haben studentische Projekte und gemeinsames Lernen in Gruppen einen festen Platz in den Orientierungsangeboten. Zu verdanken ist dies Lehrenden verschiedenster Fachgebiete, die sich für die Entwicklung von Projektideen, für die Betreuung der studentischen Teams und die Begleitung der Studierenden in das Fachstudium engagieren – zusätzlich zu ihren anderen Aufgaben in Lehre und Forschung:
Unsere Orientierungsangebote sind auch deshalb so attraktiv, weil unsere Lehrkräfte und Betreuenden nicht auf die Uhr schauen, sondern auf ihre Studierenden – und ihnen so die Möglichkeit eröffnen, ihren eigenen Weg durchs Studium zu finden.
Lernen über die Fachgrenzen hinaus
Dieser Weg führte die Studenten Alexander, Heinrich und Leon direkt ins „Auge der Sonne“, so der Name eines Solar-Nachführsystems, das sie im Rahmen ihrer Orientierung entwickelten. Die Solarmodule richten sich – ähnlich einer Sonnenblume – automatisch nach der Sonne aus und können so bis zu ein Drittel mehr Strom erzeugen als starre Konstruktionen. Ende September präsentierten sie ihre Arbeit zusammen mit fünf weiteren Gruppen Studierender unterschiedlichster ingenieurwissenschaftlicher Studienrichtungen im Audimax der Universität.
Auch Mara, Vitus, Linus, Elisabeth und Shwe Yi profitierten vom Programm. „Unsere Gruppe hat zielstrebig an der Entwicklung, Konstruktion, Fertigung, Testung und Fertigstellung eines autonomen Miniaturtransporters, kurz AMT, gearbeitet – oder wie wir ihn genannt haben: einem Kipplasterchen“, erzählt Mara.
Ihrem Transporter gaben die Studierenden ein klassisches Design mit Steuerzentrale vorne, Ladefläche hinten und drei Rädern für maximale Wendigkeit. Denn er sollte automatisch Tempo und Lenkung steuern und einer vorgezeichneten Strecke folgen. Dabei war den Teammitgliedern besonders wichtig, ein offenes Modell zu entwickeln, bei dem die Baugruppen gut sichtbar und leicht austauschbar sind. Vitus erklärt:
Unser Ziel war ein System, das technisch überzeugt und zugleich ein anschauliches Lern- und Darstellungsmodell bietet.
Nachhaltigkeit spielte ebenfalls eine Rolle: Für ihre Konstruktion wählten die Studierenden Leichtmetalle wie Aluminium und entschieden sich für einen mechanischen Kipper, um Gewicht und Energie zu sparen. Betreut wurden sie dabei von Lehrenden und Studierenden höherer Semester. So lernten sie neben Konstruktionsprinzipien und Fertigungstechniken wie 3D-Druck oder Fräsen auch Programmierung – und viel über Teamarbeit und Dokumentation. Linus erzählt:
Obwohl ich aus der Fahrzeugtechnik komme, habe ich auch viel über Elektrotechnik erfahren, da ich auch am Sensorboard gelötet und experimentiert habe. Vor allem aber habe ich gelernt, wie Menschen aus verschiedenen Fachrichtungen miteinander arbeiten, sich aufeinander verlassen und so gemeinsam ein tolles Projekt umzusetzen können.
Ein Programm, das Lust auf mehr macht
Schon jetzt sprudeln die Studierenden nur so vor Ideen, wie sie ihren AMT weiterentwickeln könnten: Batterien durch Akkus ersetzen, größere Ladeflächen, Telemetrieanzeigen, optionale Federung, Beleuchtungssysteme oder sogar ein kleines Soundmodul, das Geräusche beim Fahren erzeugt – für ein noch immersiveres Nutzererlebnis.
Auch würden sie gerne noch mehr über das computergestützte Zeichnen von Produkten in 2D oder 3D lernen. Dass sie dazu im weiteren Verlauf ihres Studiums noch viele Gelegenheiten haben werden, konnte Prof. Stephan Husung, Studiendekan der Fakultät für Maschinenbau, ihm und seinen Mitstudierenden schon nach der Projektpräsentation versprechen.
Jetzt anmelden und mitmachen
Studierende, die im Wintersemester ihr Studium der Biomedizinischen Technik, Elektrotechnik und Informationstechnik, Fahrzeugtechnik, Ingenieurinformatik oder in Maschinenbau, Mechatronik und Wirtschaftsingenieurwesen beginnen, können sich noch bis 10. Oktober für eine Teilnahme an den Orientierungsangeboten melden. Zur Anmeldung genügt eine E-Mail an orientierung@tu-ilmenau.de.