Forschung

„Europäische Zusammenarbeit ist essenziell, um auf höchstem Niveau zu forschen“

Wissenschaft profitiert von Europa – das weiß keiner besser als Dr. Valentin Ivanov. Durch eine Vielzahl erfolgreich eingeworbener EU-Projekte gelang es dem Wissenschaftler an der Arbeitsgruppe Smart Vehicle Systems am Fachgebiet Regelungstechnik ein großes internationales Netzwerk aufzubauen. Gemeinsam mit Partnern aus Forschung und Industrie entwickelt er smarte Fahrsysteme für eine nachhaltige Mobilität.

Mehr Vernetzung auf europäischer Ebene – das wünscht sich auch Prof. Stefan Sinzinger, Vizepräsident für Forschung und wissenschaftlichen Nachwuchs, für die TU Ilmenau. Den Weg dafür ebnen sollen das Themenjahr „Forschung für Europa“ sowie die neue europäische Hochschulallianz SUNRISE, die von der TU Ilmenau angeführt wird. Im Interview zum Kick-off des Themenjahrs erklären beide, wie die TU Ilmenau durch europäische Kooperationen nachhaltig gestärkt wird.

TU Ilmenau/Eleonora Hamburg
Prof. Stefan Sinzinger und Dr. Ivanov setzen auf die Zusammenarbeit mit europäischen Partnern.

Guten Tag Prof. Sinzinger und Dr. Ivanov, dieses Jahr steht an der TU Ilmenau ganz im Zeichen der europäischen Zusammenarbeit: Mit dem Themenjahr „Forschung für Europa“ und Insbesondere mit der kürzlich ins Leben gerufenen SUNRISE-Allianz, einem Zusammenschluss europäischer Universitäten unter Federführung der TU Ilmenau, sollen internationale Kooperationen weiter gestärkt werden. Warum hat die Universität entschieden, den Fokus so deutlich auf Europa zu legen?

Prof. Sinzinger: Als TU Ilmenau müssen wir uns immer stärker international vernetzen, um die notwendige Schlagkraft im europäischen Forschungsraum zu erreichen. Dies ist ein langfristiger Prozess, der konsistente Arbeit und Engagement erfordert. Das Themenjahr und SUNRISE sollen als Anstoß dienen, unsere Studierenden und Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zu motivieren, sich aktiv im europäischen Raum zu engagieren. Europäische Netzwerke und Fördermöglichkeiten werden immer bedeutender, da zunehmend Forschungsmittel über die Europäische Union verteilt werden. Um daran teilzuhaben, ist es essenziell, frühzeitig Kooperationen und Partnerschaften aufzubauen.

Wie können Studierende und Forschende von der SUNRISE-Allianz profitieren?

Prof. Sinzinger: Durch SUNRISE wollen wir unsere Universitätsangehörigen – Studierende wie Forschende –inspirieren und ermutigen, internationaler zu denken und zu handeln. Wir sehen immer wieder, wie bereichernd solche Erfahrungen sind und wie sehr sie das persönliche und berufliche Wachstum fördern. Wir wollen den Austausch auf allen Ebenen intensivieren – in der Forschung, in der Lehre und in der Verwaltung. Gleichzeitig möchten wir die zahlreichen Möglichkeiten und Vorteile einer internationalen Vernetzung sichtbarer machen und damit langfristig eine Kultur der Zusammenarbeit etablieren. Ziel ist es, unsere Universität stärker im europäischen Kontext zu verankern und von den Erfahrungen unserer Partnerhochschulen zu profitieren. Die Allianz dient als Kristallisationspunkt für Kooperationen. Sie fördert nicht nur die Vernetzung unserer Forschenden, sondern trägt auch zur institutionellen Weiterentwicklung bei – beispielsweise durch die Einführung neuer Studienprogramme oder Doppelabschluss-Angebote.

Im Bereich Forschung bündeln die Partner von SUNRISE ihre Kapazitäten und entwickeln interdisziplinäre Ansätze für eine umweltfreundliche und nachhaltige Gesellschaft. Was bietet die TU Ilmenau ihren europäischen Partnern, um dieses Ziel zu erreichen?

Prof. Sinzinger: Unsere Infrastruktur ist ein großes Plus. Zentren wie das Zentrum für Mikro- und Nanotechnologen (ZMN) mit seinen Hochtechnologielaboren oder das Thüringer Innovationszentrum Mobilität (ThIMo) bieten eine konkurrenzfähige Basis für Spitzenforschung – nicht nur europaweit, sondern global. Kooperationen sind essenziell, um das Potenzial unserer Infrastruktur voll auszuschöpfen. Nur durch Zusammenarbeit können wir unsere Kapazitäten optimal nutzen.

Dr. Ivanov, Sie sind Experte für smarte Mobilität und haben sich durch die Einwerbung einer Vielzahl von EU-Projekten ein großes Netzwerk aus akademischen Institutionen, Industrieunternehmen sowie kleinen und mittleren Unternehmen aufgebaut. Warum ist es gerade im Bereich Mobilität so wichtig im europäischen Raum zusammenzuarbeiten?

Dr. Ivanov: Die europäische Zusammenarbeit ist essenziell, um auf höchstem Niveau zu forschen und von den Kompetenzen unserer Partner zu profitieren. Sie ermöglicht es uns, innovative Ideen unabhängig von der kurzfristigen politischen Agenda zu entwickeln. Ein zentraler Vorteil der europäischen Programme ist ihr Bottom-up-Ansatz. Das bedeutet, Forschende können in offenen Calls eigene Ideen einbringen und konkrete Vorschläge einreichen.

Dennoch bleibt auch die lokale und regionale Unterstützung essenziell – besonders, wenn es um Investitionen in Schlüsselinfrastrukturen wie das ThIMo oder das ZMN geht. Ohne diese Einrichtungen wäre es für uns kaum möglich, unsere Forschungsfähigkeiten adäquat zu präsentieren und Partner für Projekte zu gewinnen.

Woran forschen Sie aktuell?

Dr. Ivanov: Wir arbeiten an modularen Fahrzeugarchitekturen mit den sogenannten aktiven Corner-Modulen. Das ist ein innovatives Konzept, bei dem das Corner-Modul die Antriebs-, Brems-, Radaufhängungs-, Fahrwerks und Lenksysteme integriert. Das ermöglicht es, eine Fahrzeugplattform schnell und einfach für unterschiedliche Zwecke anzupassen, zum Beispiel vom Passagierauto zum Cargo-Car oder Shuttle-Fahrzeug. Auch beitragen die modularen Fahrzeugarchitekturen zu fortgeschrittenen automatisierten Fahrtechnologien durch flexible Dynamik und stärkere Redundanz.

Ein weiterer Schwerpunkt unserer Forschung liegt auf Software-definierten Fahrzeugen. Das bedeutet, dass viele Funktionen eines Fahrzeugs nicht mehr durch Hardware festgelegt sind, sondern flexibel über Software gesteuert und regelmäßig aktualisiert werden können – ähnlich wie bei einem Smartphone. Künftige Fahrzeuge bekommen in dieser Hinsicht regelmäßigen Over-the-Air-Updates, die neue Funktionen hinzufügen oder bestehende verbessern.

Zudem beschäftigen wir uns mit Hochspannungsantriebssystemen, insbesondere im Bereich der Elektromobilität. Europa legt in diesem Bereich großen Wert auf neue Technologien, wie etwa 1200-Volt-Systeme, die die Ladegeschwindigkeit und Effizienz von Elektrofahrzeugen revolutionieren sollen. Unser Ziel ist es, Fahrzeuge nachhaltiger, effizienter und anpassungsfähiger zu machen, um die Mobilität der Zukunft aktiv mitzugestalten.

Sie arbeiten mit Ihren europäischen Partnern an einem so genannten X-in-the-loop-Netzwerk. Wie funktioniert das und wie trägt es zur nachhaltigen Mobilität bei?

Dr. Ivanov: Mit X-in-the-loop können wir Entwicklungskosten und -zeiten erheblich reduzieren, da viele Experimente internetbasiert durchgeführt werden. Dieses Konzept wurde insbesondere während der Pandemiezeit relevant, als physische Treffen und Experimente bei Partnern oft nicht möglich waren.

Das Prinzip ist wie folgend: Wir verbinden Prüfstände und Simulatoren über die lokalen Netzwerke oder über das Internet, wodurch wir in der Lage sind, Tests und Validierungen standortübergreifend durchzuführen. Das ermöglicht, mehrere Fahrzeugsysteme parallel und im Echtzeit in einer flexiblen und domänenübergreifenden Entwicklungsumgebung zu testen. Dies trägt auch erheblich zur Nachhaltigkeit bei: Durch die Reduzierung aufeinanderfolgender physischer Tests und Reisen werden Ressourcen wie Zeit, Energie und Material eingespart. Gleichzeitig bleibt die Qualität der Tests erhalten, da die Daten aus den verschiedenen Partnerlaboren in Echtzeit integriert und analysiert werden können.

Was erwarten Sie persönlich von der verstärkten europäischen Zusammenarbeit im Rahmen der SUNRISE-Allianz?

Dr. Ivanov: Die Forschung wird zunehmend interdisziplinär, und wir haben nicht immer alle Kompetenzen an einem Ort. Deshalb ist es wichtig, Partner zu finden, die uns ergänzen, und von denen wir lernen können, um unsere eigenen Stärken weiterzuentwickeln.

SUNRISE bietet hier eine hervorragende Plattform, um genau diese Partnerschaften zu erweitern. Ich hoffe, dass wir durch diese Initiative mehr Kolleginnen und Kollegen dazu motivieren können, international aktiver zu werden. Es ist entscheidend, dass wir uns stärker in europäische Netzwerke einbinden, denn Wissenschaft funktioniert nicht isoliert, sondern durch Zusammenarbeit und Austausch.

Letztendlich ist es mein Ziel, dass die TU Ilmenau langfristig eine noch sichtbare Rolle im europäischen Forschungsraum spielt und wir durch unsere internationalen Aktivitäten die Attraktivität der Universität weiter steigern – sowohl für Forschende als auch für Studierende. SUNRISE ist ein wichtiger Schritt in diese Richtung.

Prof. Sinzinger: Besonders wichtig ist es, eine stärkere Dynamik in der internationalen Zusammenarbeit zu erzeugen. Durch eine intensivere Einbindung in europäische Netzwerke können wir nicht nur neue Partner gewinnen, sondern auch bestehende Kooperationen ausbauen und langfristig sichern.

Für die Zukunft wünsche ich mir, dass diese Aktivitäten die internationale Kultur an der TU Ilmenau nachhaltig stärken. Die Zusammenarbeit mit den SUNRISE-Partnern bietet uns die Möglichkeit, von deren Erfahrungen zu lernen und gleichzeitig unsere eigenen Stärken in den europäischen Raum einzubringen.

Langfristig sehe ich großes Potenzial, die TU Ilmenau so noch attraktiver für Studierende und Forschende aus aller Welt zu machen. Dieses Jahr bietet die Chance, wichtige Weichen für die zukünftige Entwicklung der Universität zu stellen und die internationale Zusammenarbeit in Forschung und Lehre auf eine neue Ebene zu heben.

Kontakt

Prof. Stefan Sinzinger

Vizepräsident für Forschung und wissenschaftlichen Nachwuchs