Menschen

Portrait: Studentisches Ehrenamt mit dem Traumberuf verbinden

18:59 Uhr. Noch 30 Sekunden, dann geht es On Air. Die 19-Jährige wischt sich noch einmal ihre Hände an der Hose ab und fährt sich durch die Haare. 15 Sekunden. Der Finger schwebt über dem Mischpult, bereit den Knopf zu drücken. Und dann geht das rote Licht an. Mit Elan begrüßt sie an diesem Mittwochabend ihre Zuhörer und startet den ersten Song.

Der Traum, Radio zu machen, wird schon im Studium wahr

Franziska Wehr, von ihren Freunden nur Franzi genannt, ist nicht nur Studierende an der TU Ilmenau. Ihr großer Traum ist es, eines Tages Radio zu machen. Und für diesen Traum arbeitet sie fast täglich beim Campusradio „Hsf“ hin. Über 50 Sendungen hat sie schon moderiert, nervös ist sie längst nicht mehr. „Ein bisschen aufgeregt ist man immer. Das hilft ja auch. Aber eigentlich kann man nicht so viel falsch machen“, sagt Franzi während einer Moderationspause. Gerade läuft „Bartender“ von James Blunt. Ihre langen braunen Locken wippen leicht im Takt mit und sie steht lässig vor dem Mikrofon. Parallel liest sie sich ihr nächstes Thema durch und quatscht mit ihrer Moderationskollegin und Kommilitonin. 

Drei bis vier Stunden nimmt so eine Sendungsvorbereitung in Anspruch: Playlisten zusammenstellen, Content kreieren und interessante Themen finden – das sei schwierig, lohne sich aber im Nachhinein. 

Aber warum ausgerechnet Radio? Schon nach ihrem Abitur bewarb sich Franzi um ein Volontariat beim Hörfunk, leider erfolglos. Geprägt wurde sie vor allem von ihrem Onkel. Der arbeitet beim WDR. Schon früh habe sie durch seine Geschichten sehr viel über das Geschäft erfahren.

Ich habe mitbekommen, wie man den Leuten einen guten Start in den Tag mitgeben kann, mit Sprache umzugehen und anderen Leuten etwas näher zu bringen“, verrät sie mit leuchtenden Augen. „Also Teil zu sein, obwohl man eigentlich nicht wirklich nicht da ist.

Ehrenamt neben dem Studium

Es ist 20:00 Uhr. Franzi packt ihre Sachen zusammen und macht Platz für die nächsten Moderatoren. Langsam schlendert sie aus dem Studio und begrüßt alle anderen Redakteure und Mitglieder des Vereins, die in der letzten Stunde dazu gekommen sind. Doch Feierabend ist für die Studierende im dritten Semester noch lange nicht. Denn neben ihrer Sendung gibt es noch viel mehr Dinge, die sie im Sender ehrenamtlich übernimmt.

Sie erklärt auf dem Weg in den Konferenzraum: „Gleich ist Funkversammlung bei der sich alle Mitglieder treffen, um zu erfahren was gerade so passiert und wo man hingehen könnte. An solchen Sitzungen werden Beiträge und Playlisten verteilt und das Programm für die nächsten Wochen besprochen“. Ihre Augen sind müde. Es war ein langer Tag. Die 19-Jährige gibt zu: „Meistens denkt man sich schon, es wäre schön, wenn man nach Hause gehen könnte. Aber es gehört ja dazu. Es ist wichtig, Informationen zu erhalten und sie weiterzugeben“.

Ausgleich durch Klettern im Unisportzentrum

Die Balance zwischen Uni und Vereinsarbeit zu halten, ist für Franzi nicht einfach. Und dabei ihre zweite große Leidenschaft nicht zu vernachlässigen, besonders hart: Das Klettern.

Die aus dem Allgäu stammende 19-Jährige ist sportbegeistert inmitten der Natur und den großen Bergen aufgewachsen. Mit 13 Jahren hat sie das Erste Mal mit dem Klettern angefangen. Ging sie zu Beginn noch unregelmäßig in die Kletterhalle, war die Allgäuerin schnell Feuer und Flamme für die Sportart. Dreimal die Woche fand man sie in der Kletterhalle, bis sie sogar ehrenamtlich eine Trainerausbildung abschloss.

Dieses Jahr machte sie den C-Trainerschein im Sportklettern und engagiert sich bis heute in ihrer Heimatsektion des Deutschen Alpenvereins – unbezahlt versteht sich.

Sehnsüchtig schaut Franzi auf den Karabiner, den sie in der Hand hält, als würde ihr Leben davon abhängen – wortwörtlich. „Ich vermisse es, so oft klettern zu gehen. Wenn du klettern gehst, hast du deinen Sport gemacht. Du kletterst nicht nur mit deinen Armen, sondern mit deinem ganzen Körper“, sagt sie an diesem tristen Dienstagnachmittag vor der Kletterwand im USZ. „Klettern hat etwas Befreiendes, und du kämpfst so gegen dich selber. Wenn du es nicht schaffst, dann ist auch meistens kein anderer schuld, sondern nur du selber“.

Um ihren Sport des Studiums Willen nicht ganz aufgeben zu müssen, gibt sie jeden Dienstag einen Kletterkurs für ihre Kommilitonen und Kommilitoninnen.

Ist Franzi bereits Profi, übt sie mit ihrem Kurs noch die Grundtechnik. Toprope Sicherung heißt das. „Wir lernen gerade erst das Vorsteigen. Deswegen hängen die Seile schon, wir haben noch eine Hintersicherung“, erklärt sie während sie ihre Kursteilnehmer mit wachsamem Auge beobachtet. Mit zwei doppelten Karabinern, sogenannten Exen, und Seil klettert man den Weg nach oben.

Den Weg nach oben klettern: Das ist Franzis Ziel – nicht nur beim Sport. Gute Noten hat sie schon, das Studium fällt ihr nicht besonders schwer. Der Traum, eines Tages Radio machen zu dürfen, ist größer als je zuvor. Ihre ehrenamtliche Vereinstätigkeit dürfte dafür die beste Voraussetzung sein.

Eva Seidl