Menschen

„Ich blicke optimistisch auf die nächste Lebensphase“

Nach fast drei Jahrzehnten an der Technischen Universität Ilmenau ist Professor Martin Löffelholz am Ende des Sommersemesters 2025 in den Ruhestand verabschiedet worden. Im Gespräch mit Johanna Radechovsky, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Fachgebiet Medienwissenschaft, blickt er auf seine wissenschaftliche Laufbahn zurück – von den Anfängen als Journalist bis hin zu seiner Rolle als einer der weltweit führenden Experten für Krisen- und Kriegskommunikation.

Prof. Löffelholz bei seiner Abschiedsfeier im Juli 2025 mit früheren Teammitgliedern und Kooperationspartnern

Herr Professor Löffelholz, Sie haben die Entwicklung der Kommunikations- und Medienwissenschaft über rund vier Jahrzehnte begleitet. Auf welche Etappe Ihrer Karriere blicken Sie als die prägendste zurück?

Jede Station hatte ihre eigene Bedeutung, aber der Wechsel nach Ilmenau im Jahr 1998 war sicher ein wichtiger Schritt. Die TU Ilmenau war damals ein recht junger Standort für die Kommunikations- und Medienwissenschaft. Als Gründungsdirektor des Instituts für Medien und Kommunikationswissenschaft hatte ich die Möglichkeit, die Forschungs- und Lehrinhalte von Beginn an mitzugestalten. Zudem konnte ich ab 2002 die Internationale Forschungsgruppe Krisenkommunikation aufbauen, die sich über mehr als zwei Jahrzehnte hinweg zu einer international sichtbaren Institution entwickelt hat.

 

Sie erhielten kürzlich in den USA den renommierten „Bridge Award for Excellence in Connecting Research to Practice“ der International Crisis and Risk Communication Association – und gelten als einer der führenden Experten für Krisen- und Kriegskommunikation. Wie kam es zu diesem Schwerpunkt?

Ein wesentlicher Ausgangspunkt war sicherlich mein persönlicher Werdegang: Schon in den 1980er Jahren habe ich als junger Reporter in Sri Lanka über den beginnenden Bürgerkrieg berichtet. Diese und andere Erfahrungen mit Unsicherheit, Gefahr und Desinformation haben mein Interesse geweckt, wie Kommunikation in Extremsituationen funktioniert. In meiner wissenschaftlichen Laufbahn wurde mir zunehmend klar: Krisen- und Kriegskommunikation sind keine Randthemen, sondern zentrale Prüfsteine einer demokratischen Öffentlichkeit. Sie entscheiden darüber, ob Menschen vertrauen, kooperieren und handeln – oder ob Angst, Desinformation und Polarisierung überwiegen.


Was unterscheidet die Krisen- und Kriegskommunikation von anderen Forschungsfeldern der Kommunikationswissenschaft?

In Krisen und Kriegen stehen die grundlegenden Funktionen von Kommunikation auf dem Spiel – wie wir in der Ukraine, in Israel und Gaza, in den USA, aber auch zunehmend bei uns in Deutschland sehen. Während in normalen Zeiten Informationsaustausch, Meinungsbildung oder Unterhaltung im Vordergrund stehen, geht es in Kriegen und Krisen oftmals um Leben und Tod, um die Legitimität staatlichen Handelns, um Sicherheit. In Katastrophen oder bewaffneten Konflikten zeigt sich sehr deutlich, welche kommunikativen Mechanismen Vertrauen schaffen – und wie schnell Vertrauen zerstört werden kann.

 

Sie haben an der TU Ilmenau viele große Forschungsprojekte eingeworben und geleitet. Welche Erfahrungen haben Sie damit gemacht?

Die Koordination großer Forschungskonsortien – wie zuletzt im DFG-geförderten DECIPHER-Verbund – ist zweifellos herausfordernd, eröffnet aber auch die Möglichkeit, komplexe Fragen multidisziplinär zu untersuchen. Mit Unterstützung der Deutschen Forschungsgemeinschaft und des früheren Bundesministeriums für Bildung und Forschung konnten wir die Kommunikation von Regierungen in sieben westlichen Demokratien analysieren. Die Pandemie als weltweite multiple Krise hat gezeigt, dass nicht nur medizinische Maßnahmen entscheidend sind, sondern auch, wie Regierungen mit ihren Bürgerinnen und Bürgern kommunizieren. Ich habe die Hoffnung, dass unsere Ergebnisse dazu beitragen, unsere Gesellschaften resilienter zu machen, um künftige Krisen besser bewältigen zu können.


Sie haben nicht nur in Deutschland geforscht, sondern auch international, vor allem in Südostasien. Welche Erkenntnisse haben Sie daraus gezogen?

Meine Jahre in Asien, vor allem in Indonesien, auf den Philippinen und in Vietnam, ob als Gastprofessor oder als Präsident der Swiss German University in Jakarta, haben mir verdeutlicht, wie unterschiedlich Kommunikationskulturen sein können. Krisen- und Kriegskommunikation ist keineswegs eins zu eins nach westlichen Mustern erklärbar. Kultur, Religion, politische Traditionen – all das prägt, wie Menschen auf Risiken und Bedrohungen reagieren.


Wenn Sie auf Ihre Arbeit in Ilmenau zurückblicken – was macht Sie besonders stolz?

Vor allem, dass es gelungen ist, in Ilmenau eine lebendige, international vernetzte Kommunikationswissenschaft aufzubauen. Viele meiner früheren Doktorandinnen, Doktoranden und Habilitanden sind heute selbst Professorinnen, Professoren oder in leitenden Funktionen tätig. Hinzu kommt, dass wir mit unseren Arbeiten zur Krisen- und Kriegskommunikation Themen gesetzt haben, die in der Gesellschaft stark beachtet werden. Und natürlich freue ich mich, dass unsere internationalen Kooperationen, etwa mit Indonesien, nicht nur meine eigene Forschung befruchtet haben, sondern auch Studierenden und jüngeren Kolleginnen und Kollegen neue Horizonte eröffnen.


Was würden Sie diesen jüngeren Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern mit auf den Weg geben?

Engagieren Sie sich früh in internationalen Netzwerken. Denken Sie interdisziplinär. Behalten Sie die Kommunikationspraxis im Blick. Bleiben Sie unabhängig. Und haben Sie Geduld – Forschung ist kein Sprint, sondern ein Marathon.


Welche Themen werden die Krisenkommunikationsforschung in den nächsten Jahren beschäftigen?

Die große Frage ist: Wie verändert Künstliche Intelligenz die Kriegs- und Krisenkommunikation? KI kann bessere Warnsysteme ermöglichen, birgt aber zugleich Risiken – von gezielter Desinformation bis hin zur Enthumanisierung von Entscheidungen über Leben und Tod. Gleichzeitig leben wir im Zeitalter der Polykrisen, in dem Gesundheits-, Klima- und Sicherheitskrisen ineinandergreifen. Mit solchen Fragen wird sich auch die Forschungsgruppe Krisenkommunikation weiter beschäftigen – künftig unter der alleinigen Leitung von Privatdozent Dr. Andreas Schwarz, der die Gruppe bereits seit vielen Jahren als Ko-Direktor geprägt hat.


Zum Schluss – mit welchen Gefühlen verabschieden Sie sich in den Ruhestand?

Vor allem bin ich dankbar für die wunderbaren Kolleginnen, Kollegen und Studierenden, mit denen ich arbeiten durfte. Und ich blicke optimistisch auf die nächste Lebensphase. Denn ich werde weiterhin publizieren und mich international engagieren. Wissenschaft war – und ist – für mich nicht allein ein Beruf, sondern eine Lebensform.

 

Ein Abschiedsfilm über Prof. Löffelholz - von Dr. Bernd Rasem

Musiklizenz wurde erworben durch Dr. Bernd Rasem