Von Phoenix in Arizona nach Ilmenau: Drei Monate lang forschte die US-Studentin Elyssa Kartchner im Rahmen des DAAD-Programms RISE Germany an der Technischen Universität Ilmenau. Betreut wurde sie von Doktorandin Henrike Zacher, die in der Ilmenau School of Green Electronics (ISGE) an selbstheilenden leitfähigen Polymeren arbeitet. Für beide war das Forschungspraktikum weit mehr als nur ein wissenschaftliches Projekt: Es wurde zu einer Erfahrung, die fachlich, sprachlich und persönlich neue Horizonte eröffnete.
Als Elyssa Kartchner die Ausschreibung für Henrike Zachers Projekt entdeckte und die Vita der 24-Jährigen las, war ihre Entscheidung schnell gefallen. Die Studentin der Arizona State University, die Chemie und Biophysik im Doppelstudium studiert und nun in ihr drittes Bachelorjahr startet, wollte Forschung im Ausland erleben – und Europa zum ersten Mal kennenlernen.
Ich wollte unbedingt Forschung im Ausland machen, weil man dadurch seinen Blickwinkel erweitert – wissenschaftlich, aber auch kulturell. Deutschland war für mich eine unglaubliche Chance.
Dass sie schließlich im Mai 2026 für drei Monate in Ilmenau landete, war daher alles andere als ein Zufall: „Aber es war eine glückliche Fügung“, so die Bachelor-Studentin: Sie recherchierte den Ort, sah die kleine Universitätsstadt – und dachte: „Warum nicht?“
Ein Puzzleteil für grüne Elektronik
Elyssas Mentorin, Henrike Zacher, promoviert seit Januar 2025 in der Ilmenau School of Green Electronics, einem von der Carl-Zeiss-Stiftung geförderten Forschungsprogramm. Ihr Ziel: elektrisch leitfähige Polymere so weiterzuentwickeln, dass sie oxidative Schäden künftig selbstständig reparieren können.
Im Zentrum ihrer Arbeit stehen Katalysatoren, die beschädigte Stellen in Polymerketten gezielt erkennen und ersetzen können – und so zu einer nachhaltigen Alternative zu begrenzt verfügbaren Rohstoffen in der Mikroelektronik werden könnten:
Unser Ziel ist es, genau den zerstörten Abschnitt eines leitfähigen Polymers herauszuschneiden und einen neuen Baustein einzusetzen. Dafür brauchen wir Katalysatoren, die präzise reagieren – und genau diese testen wir.
Elyssa arbeitete dabei an einem wichtigen Teilprojekt: der Synthese von Liganden, den molekularen Bausteinen für diese Katalysatoren.
Es ist wie ein Puzzleteil und ein Baustein eines Turms: Bevor ein Katalysator funktionieren kann, braucht man diese Grundstruktur. Erst danach kommt die Funktionalisierung, die ihn tatsächlich wirksam macht.
Neue Chemie, neue Fähigkeiten
Für Elyssa bedeutete das Praktikum auch einen Sprung in ein völlig neues Forschungsgebiet. Während sie in Arizona vor allem biophysikalische Chemie und die Photophysik fluoreszierender DNA-Moleküle untersucht, stand in Ilmenau plötzlich organische Synthesechemie auf dem Programm.
Ich bin eigentlich keine organische Chemikerin. Hier habe ich zum ersten Mal an wasser- und luftfreien Reaktionen gearbeitet, bei denen es auch mal raucht – Techniken, die im US-Studium kaum vermittelt werden. Diese Fähigkeiten werden mir in meiner weiteren Forschung enorm helfen.
Besonders beeindruckte sie der Praxisbezug des deutschen Studiums: Laborarbeit sei hier viel stärker in die Lehre integriert als an ihrer Heimatuniversität.
„Hier ist die Universität viel persönlicher“
Neben der Forschung entdeckte Elyssa auch eine ganz andere Seite Deutschlands. Der Unterschied zu ihrer Heimatuniversität mit rund 150.000 Studierenden könnte kaum größer sein.
Bei uns kennt man längst nicht alle in seinem Fachgebiet. Hier ist die Universität viel persönlicher – die Menschen kennen sich, arbeiten eng zusammen, und das hat mir unglaublich gut gefallen.
Und dann war da noch die Natur Thüringens.
Es ist so grün hier! Das war tatsächlich einer meiner ersten Eindrücke von Ilmenau. Wo ich herkomme, ist das nicht so.
Die ruhige Atmosphäre der Stadt half ihr, sich ganz auf ihre Forschung zu konzentrieren – auch wenn sie an den Wochenenden London, Paris, Amsterdam oder Prag erkundete.
Betreuung als Chance für beide Seiten
Auch für Henrike Zacher war das RISE-Praktikum eine Premiere. Ihr Betreuer, Prof. Robert Geitner, machte sie auf das DAAD-Programm aufmerksam – und sie nutzte die Gelegenheit, erstmals selbst eine internationale Praktikantin anzuleiten.
Elyssa hat wirklich hervorragend gearbeitet und sehr selbstständig geforscht. Für mich war es außerdem die Chance, zum ersten Mal jemanden wissenschaftlich zu betreuen.
Die Zusammenarbeit brachte neue Herausforderungen mit sich: englische Fachkommunikation, unterschiedliche Softwarekenntnisse und verschiedene Ausbildungssysteme. Aber die Chemie stimmte – auch im übertragenen Sinn.
Bisher habe ich fast ausschließlich mit Studierenden aus Ilmenau gearbeitet. Jetzt musste ich viele Abläufe und Programme auf Englisch erklären. Das hat auch meine wissenschaftliche Kommunikation deutlich verbessert.
Ein Sommer, der bleibt
Drei Monate Laborarbeit, wöchentliche Seminare mit der Forschungsgruppe und der Austausch mit Studierenden und Forschenden aus unterschiedlichen Ländern haben Elyssas Blick auf Wissenschaft nachhaltig verändert.
Ihr persönliches Fazit fällt eindeutig aus:
Ich habe hier so viel gelernt, dass ich es kaum zusammenfassen kann. Dieser Sommer war lehrreich, spannend und ein Traum, der wahr geworden ist. Das Praktikum anzunehmen, war die beste Entscheidung.
DAAD RISE Germany
RISE steht für Research Internships in Science and Engineering. Das Programm des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) vermittelt Bachelorstudierenden aus Nordamerika, Großbritannien und Irland Forschungspraktika an deutschen Hochschulen und Forschungseinrichtungen.
Das Besondere:
- Forschungspraktika in den Sommermonaten
- Projekte aus Natur-, Lebens- und Ingenieurwissenschaften sowie Informatik
- Fachliche und persönliche Betreuung durch Promovierende oder Wissenschaftler*innen
- Stipendienförderung durch den DAAD aus Mitteln des Auswärtigen Amts
- Arbeitssprache ist in der Regel Englisch
An der TU Ilmenau verbindet RISE internationale Talente mit dem wissenschaftlichen Nachwuchs – und schafft so wertvolle Erfahrungen für beide Seiten.
Ilmenau School of Green Electronics
Die Ilmenau School of Green Electronics (ISGE) ist eine interdisziplinäre Forschungs- und Ausbildungsstruktur der TU Ilmenau. Gefördert von der Carl-Zeiss-Stiftung, forschen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler an energie- und ressourcenschonenden Technologien für die Elektronik der Zukunft.
Im Mittelpunkt stehen intelligente Materialien, bioinspirierte Mikroelektronik und energieeffizientes Computing. Ziel ist es, elektronische Systeme nachhaltiger zu machen – von der Herstellung über die Nutzung bis hin zur Reparatur und Wiederverwertung.
Auch die Arbeit von Henrike Zacher ist Teil dieses Ansatzes: Sie entwickelt Katalysatoren, die beschädigte elektrisch leitfähige Polymere gezielt reparieren können. So sollen elektronische Materialien künftig langlebiger und ressourcenschonender werden.
Kontakt
M.Sc. Henrike Zacher
Doktorandin Ilmenau School of Green Electronics (ISGE)