Seit über einem Jahrhundert prägen kreative Köpfe und technische Innovationen die Geschichte Ilmenaus. Anlässlich der Ausstellung "130 Jahre PATENTE Ideen" haben wir mit dem Direktor des PATON | Landespatentzentrum Thüringen an der Technischen Universität Ilmenau, Dr. Christoph Hoock, gesprochen – über die Bedeutung von Schutzrechten, die Innovationskraft der Region und darüber, wie aus guten Ideen erfolgreiche Erfindungen werden.
Herr Dr. Hoock, keine deutsche Hochschule kann mehr Patente pro Mitarbeiter vorweisen als die TU Ilmenau – das belegte 2023 eine Studie des Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW). Im Ranking der Zahl der angemeldeten Patente insgesamt belegt die TU Ilmenau den beachtlichen 8. Platz unter den 178 untersuchten Hochschulen – vor ihr lagen nur ungleich größere und finanzstärkere Hochschulen wie Dresden, Karlsruhe, München oder Aachen oder Darmstadt. Waren die TU Ilmenau und ihre Vorgängerinstitutionen schon immer so patentstark?
Auch wenn die IW-Statistik an einigen Stellen erklärungsbedürftig ist: Die TU Ilmenau hat eine Spitzenposition bei den Patentanmeldungen deutscher Hochschulen. Vor allem starke Industriepartner und anwendungsnahe Forschung helfen uns, technische Problem-Lösungen durch Schutzrechte abzusichern.
Hier sind sicher zu allererst die vier An-Institute – das TITK, iba, CiS und IMMS – zu nennen?
Genau. Zwar haben sich im Vergleich zum Stand vor 10 Jahren die Zahlen der Erfindungsmeldungen und der eingereichten Patentanmeldungen der TU Ilmenau halbiert, was leider auch einem deutschlandweiten Trend entspricht, wie die Vertreterin des Deutschen Patent- und Markenamts zur Ausstellungseröffnung illustriert hat. Und was sicher auch daran liegt, dass Erfindungen meist technische Vorrichtungen oder Verfahren sind, während zum Beispiel bei künstlicher Intelligenz (KI) der Fortschritt oft nur im Trainingsdatensatz oder in der Modellarchitektur verankert und daher schwerer nachweisbar ist.
Allein die An-Institute der Universität, die eng mit der Hochschule verbunden sind, tragen dafür heute zu mehr als einem Drittel aller Patentanmeldungen bei – ein Wert, der bundesweit Spitzenklasse ist.
Welche Fachbereiche an der Universität sind aktuell besonders aktiv, wenn es um Patentanmeldungen und Schutzrechte geht?
Die Fakultäten Maschinenbau – hier insbesondere die Messtechnik – sowie die Elektrotechnik und Informationstechnik melden nach wie vor die meisten Erfindungen, gefolgt von Medizin- und Computertechnik. In den letzten Jahren wurde aber auch intensiv in der Audiovisuellen Technologie, Chemie, im Bereich Transport und Halbleiter sowie in der Biotechnologie geforscht und patentiert. Top Erfinderinnen und Erfinder der TU Ilmenau sind Frau Professorin Zentner sowie die Professoren Schober, Fröhlich, Husar und Bergmann.
Thüringen ist 2025 erstmals Partner der iENA, der internationalen Fachmesse „Ideen – Erfindungen – Neuheiten“, die jedes Jahr Erfindungen aus der ganzen Welt zeigt und jährlich auch mehrere Medaillen an Forschende der TU Ilmenau verleiht. Ist die Innovationskraft nicht nur in Ilmenau, sondern in Thüringen insgesamt besonders hoch?
In Thüringen gibt es wenige Standorte für Industrieproduktion. Dafür jedoch einen starken Mittelstand mit intensiver Forschung. Die wirtschaftsnahen Forschungseinrichtungen sind oft die Innovationsschmieden weit größerer Partner. Sie und die sogenannten „hidden Champions“, hochspezialisierte Firmen, die von Thüringen aus den Weltmarkt beliefern, wissen, wie wichtig es ist, sich die innovativen Problemlösungen schützen zu lassen. Nur so gibt es einen return on investment für die Forschungsinvestitionen.
Mit welchen inhaltlichen Trends bei den Patentanmeldungen rechnen Sie für die kommenden Jahre?
Patentanmeldungen zeigen die aktuellen technischen Probleme. Folglich sind die aktuellen Themen Nachhaltigkeit, Energie-Effizienz und der Einsatz von KI-Methoden, um die Leistungsfähigkeit aktueller Technik zu erweitern.
Können Sie an einem konkreten Beispiel erklären, wie genau PATON den Weg von der Idee oder Erfindung über das Patent bis hin zur Innovation begleitet?
Ich selbst leite seit 15 Jahren das PATON. Es gibt jedoch Kolleginnen aus meinem Team, die bereits seit 30 Jahren hier arbeiten. Unsere gemeinsame Aufgabe ist es, kreative und findige Menschen, vor allem aus Thüringen, beim Schutz Ihrer Ideen zu unterstützen. Egal ob sie aus der Schule, Hochschule, dem Handwerk oder aus anderen Bereichen kommen. Sie alle haben sich intensiv mit einem technischen Problem auseinandergesetzt und eine überraschende Lösung gefunden, wie beispielsweise Wissenschaftler am Ilmenauer Fachgebiet Werkstoffe der Elektrotechnik um Prof. Peter Schaaf mit der „Reinigung von Wasser mit Hilfe von Solar-Energie“.
In einem ersten Schritt recherchieren wir gemeinsam mit diesen „Erfindern“, ob die Lösung tatsächlich neu ist oder ob es nicht doch schon zu ähnliche Produkte oder Verfahren gibt.
Ist diese Hürde gemeistert, vereinbaren wir für unsere Kunden einen kostenlosen Beratungstermin durch einen Patentanwalt, in dem die Aussicht auf Patentschutz intensiv diskutiert wird. Begleitend informieren wir auch über Ablauf und Kosten der Schutzverfahren, über Fördermöglichkeiten und regen eine Kosten-Nutzen-Analyse an. In der Regel ist das Interesse hoch, dass sich die Patentierungskosten wieder amortisieren. Als Kooperationspartner des Deutschen und Europäischen Patentamtes und kofinanziert durch das Land Thüringen bieten wir diese Dienstleistungen kostenlos an.
Viele denken bei Patenten sofort an technische Innovationen wie diesen sogenannten plasmonischen Schwamm – welche Bedeutung haben Marken im Innovationsprozess?
Natürlich gibt es nicht nur technische Ideen. Viele kommen aus dem kreativen Bereich, sind vielleicht interessante Geschäftsideen, aber aus verschiedenen Gründen nicht patentfähig. Wenn es eine spezielle Erscheinungsform gibt, empfehlen wir einen Designschutz zu prüfen – oder als weitere Form eine Marke für das Produkt oder die Dienstleistung anzumelden. Wir recherchieren zusammen, ob die Marke die Rechte Dritter beeinträchtigen könnte, und zeigen verschiedene Wege zu einem effektiven Markenschutz auf.
Viele Produkte kennen wir, weil die Firmen sich um den Schutz und die Verbreitung ihrer Marke bemüht haben, denken Sie an VIBA Süßwaren, BORN Senf oder das Köstritzer Bier.
Welche Rolle spielen Studierende und junge Gründerinnen oder Gründer für die Innovationskultur in Ilmenau und Thüringen?
Es ist für uns eine Freude, wenn eine Gruppe Studierender aus einer Thüringer Hochschule zu uns kommt und uns um Rat zum Schutz für ihre Geschäftsidee bittet. Allein Ilmenau zählt über 250 Ausgründungen aus dem TU Umfeld, viele davon haben eine technische Idee, die auch mit einer Patentanmeldung zusammenhängt. Aber auch eine gute Marke kann bei der Verbreitung und Sicherung eines neuen Geschäftes helfen.
Gibt es eine Erfindung oder Marke aus Thüringen, die Sie in den vergangenen Jahren persönlich besonders beeindruckt hat?
Ich will nicht den Wert der tollen Erfindungen schmälern, wenn ich nur eine Erfindung als Beispiel herausgreife. Aber das Gründer-Team von IDloop aus Jena hat mich besonders begeistert. Sie haben es geschafft, in der Corona-Krisenzeit ein Produkt zu kreieren, das genau auf das aktuelle Problem zugeschnitten war: Eine berührungslose Fingerabdruck-Erkennung, um das Infektionsrisiko durch Sicherheitseinrichtungen beim Reisen zu reduzieren.
Was motiviert Sie persönlich, sich seit vielen Jahren mit dem Thema Patente und Innovation auseinanderzusetzen?
In jungen Jahren war ich selbst Forscher und auf ein relativ enges Gebiet der Chemie begrenzt. Jetzt habe ich Zugang zu unterschiedlichsten technischen Gebieten und wissenschaftlichen Fragestellungen – mehr als ich mir vorstellen konnte. Nicht dass ich alles verstehen würde – aber mich begeistert die Kreativität und Energie, mit der an aktuellen Herausforderungen geforscht wird. Ist eine der technischen Lösungen in einer Patentpublikation beschrieben, so erreicht sie weit mehr Interessenten als die meisten Fachpublikationen, die in teuren Journals veröffentlicht werden. Die Patentinhaber können dann entscheiden, wie die neue Technik kommerziell genutzt werden kann.
Gibt es eine Innovation „made in Ilmenau“, die aus Ihrer Sicht noch viel mehr Aufmerksamkeit verdient hätte?
Die Arbeiten an der Planck-Waage, Nanopositioniermaschinen, Femtosekunden-Laser – alles Techniken, die höchste Präzision auf Weltniveau erfordern. Ich würde mich freuen, wenn eine breitere Schicht der Bevölkerung Ilmenau und natürlich auch die TU als Forschungskern mit dem Thema „Hoch-Präzision“ in Verbindung brächten.
Wohin entwickelt sich das PATON in den nächsten Jahren – was sind Ihre Visionen?
Das PATON ist aktuell sowohl Landespatenzentrum mit den beschriebenen Aufgaben für alle Thüringer als auch eine Betriebseinheit der TU Ilmenau. Die enge Verzahnung beider Bereiche schafft spürbare Synergien – nicht zuletzt, weil alle Teammitglieder flexibel in beiden Feldern wirken können. Ich wünsche mir, dass das PATON auch künftig intensiv genutzt wird und sich dynamisch neuen Herausforderungen stellt. Gerade im Innovationsschutz zeigt sich, wie wertvoll die Unterstützung für wissenschaftliche und wirtschaftliche Einrichtungen ist. Innovationen brauchen Schutz – und Schutz braucht Expertise. PATON verbindet beides.
Dr. Christoph Hoock
Direktor PATON | Landespatentzentrum Thüringen