Wie können Mobilität und Verkehr künftig gleichzeitig sauberer und sicherer werden, neue Technologien nutzen und leistungsfähig bleiben? Wie kommen neue Lösungen aus der Forschung in die Anwendung? Mit diesen Fragen beschäftigte sich das Thüringer Forum Mobilität 2026, das gemeinsam durch das Thüringer Innovationszentrum Mobilität an der TU Ilmenau, den European Digital Innovation Hub EDIH-MID an der Bauhaus-Universität Weimar und die LEG Thüringen organisiert und vom Regionalmanagement Thüringer Bogen unterstützt wurde. Unter dem Motto „Vision zero: Sauber mobil. Sicher ans Ziel.“ kamen über 160 Vertreterinnen und Vertreter aus Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und Praxis und rund 30 Aussteller am 1. Oktober in der Ilmenauer Festhalle zusammen.
Sauber mobil und sicher ans Ziel – aber wie?
Thüringer Forum Mobilität 2026 diskutiert Wege zu einer sicheren und gleichzeitig umweltfreundlichen Mobilität
“Das diesjährige Motto zeigt klar, worum es bei der Mobilität der Zukunft geht“, so die Thüringer Wirtschaftsministerin Colette Boos-John in ihrem Grußwort.
Hinter diesem Motto stehen große Veränderungen: Fahrzeuge werden elektrischer. Sie werden stärker vernetzt und zunehmend automatisiert. Und gleichzeitig verändern sich die Produktionsprozesse und damit ganze Wertschöpfungsketten.
Das spüre auch die Thüringer Automobilindustrie. “Ihre Breite ist jedoch eine gute Ausgangslage, gerade jetzt, da sich die Branche verändert.” Entscheidend sei deshalb, dass Forschung und Wirtschaft zusammenfänden, um aus neuen Technologien konkrete Anwendungen zu machen. “Genau an diesem Punkt wird aus Veränderung eine Chance.”
Thüringen als Modellregion für autonomes Fahren
Auch Dr. Tobias J. Knoblich, Staatssekretär und Amtschef im Thüringer Ministerium für Digitales und Infrastruktur, lenkte den Blick auf die Chancen, die im Umstieg auf Elektroantriebe, in der Digitalisierung und in der Automatisierung liegen: “Damit kann die Abhängigkeit vom Öl verringert, die Umwelt geschont, der Wirtschaftsstandort Deutschland gestärkt und die Sicherheit erhöht werden.”
Trotz ehrgeiziger Klimaziele seien die Treibhausgasemissionen seit 1990 in Deutschland nur unwesentlich gesunken und machten mittlerweile mehr als 22% der Gesamtemissionen aus. Zudem schlügen stark steigende Kosten bei Personal, Treibstoff und Betriebskosten im Individualverkehr und im ÖPNV zu Buche, was vor allem Menschen in ländlichen Räumen nicht immer die Freiheit gebe, zwischen verschiedenen Mobilitätsangeboten auszuwählen.
Umso positiver sei es, dass Digitalisierung und Automatisierung in den letzten Jahren rasant an Fahrt aufgenommen hätten.
Die Entwicklung und der Einsatz fahrerloser Fahrzeuge sind längst keine Zukunftsvision mehr. Das belegen zum Beispiel der Robobus und die umfangreichen Forschungsprojekte des Thüringer Innovationszentrums Mobilität und der Bauhaus-Universität Weimar.
Diese Entwicklungen ergäben sich jedoch nicht einfach von allein.
Die Wandlungsprozesse brauchen intensive Vorbereitungen, angepasste Förderungen, eine gehörige Portion Kreativität und den Mut, neue Wege auszuprobieren. Genau deshalb setze ich mich dafür ein, dass Thüringen Modellregion für autonomes Fahren wird.
Gemeinsam Lösungen für die Menschen entwickeln
Als Vertreter des Ilm-Kreises und der Stadt Ilmenau richteten auch der 1. Beigeordnete Kay Tischer und Oberbürgermeister Dr. Daniel Schultheiß den Blick auf die Menschen in der Region: „Eines unserer Kernthemen ist, Mobilität für jedermann, jede Frau erreichbar zu machen und Angebote zu schaffen, die tatsächlich auch sinnvoll sind”, so Kay Tischer.
Sich mit diesen Chancen und Herausforderungen vor Augen beim Thüringer Forum Mobilität noch stärker miteinander zu vernetzen, bezeichnete ThIMo-Direktor Prof. Dr. Matthias Hein als einzigartige Gelegenheit:
Wir befinden uns in einer sehr spannenden Zeit der Mobilitäts- und Verkehrswende, in der die Bedarfe, die Zukunft des ÖPNV zu gestalten, größer sind als je zuvor. Gleichzeitig sind auch die Technologien reifer als je zuvor. Das Forum bietet daher eine hervorragende Plattform, miteinander ins Gespräch zu kommen, neue Ideen zu generieren und Partnerschaften zu entwickeln.
Wie das konkret aussehen kann, zeigten verschiedene Projekte aus Wissenschaft und Wirtschaft. Thomas Kraus von der PWP Systems GmbH präsentierte in seinem Vortrag unter anderem Ansätze für ein umweltorientiertes Verkehrsmanagement in Erfurt, sowie auch das vom BMFTR geförderte Projekt „Mobilitätsverbund werthaltige ländliche Lebensräume“ (kurz: MOVEwell) mit dem Aufbau des AVF-Kompetenzzentrums Thüringen. Dr. Sanwardhini Pantawanevon der Valeo Schalter und Sensoren GmbH stellte das vom BMWE geförderte Verbundprojekt CONTROL vor, das in der Leitinitiative „Autonomes Fahren“ des VDA angesiedelt ist und sich mit zuverlässigen Sensordaten für sichere hochautomatisierte Verkehrssysteme beschäftigt.
Technologisch fundierte und praxisnah umsetzbare Lösungen gemeinsam mit Partnern aus Wissenschaft und Wirtschaft zu entwickeln, Erkenntnisse aus dem Labor in die Praxis zu überführen und Unternehmen, insbesondere in der Automobil- und Zulieferindustrie, bei der Transformation zu unterstützen, bezeichnete auch Universitätspräsident Prof. Dr. Kai-Uwe Sattler als wichtige Aufgabe und „dritte Mission“ der TU Ilmenau:
Keine Mobilität ist auch keine Lösung. Ich bin ganz sicher, dass diese Veranstaltung einen Beitrag leisten kann, gemeinsam einen Schritt weiter zu kommen.
Die Automobilindustrie im Wandel
Wie dieser Wandel die Automobilindustrie bereits heute prägt und welche Herausforderungen damit verbunden sind, machte die Keynote von Andreas Rade, Geschäftsführer im Bereich „Politik und Gesellschaft“ des Verbands der Automobilindustrie (VDA), deutlich. Im Mittelpunkt standen die Veränderungen, die nicht nur Hersteller, sondern auch Zulieferer und mittelständische Unternehmen vor neue technologische und wirtschaftliche Herausforderungen stellen.
Wie eng Fahrzeug und Infrastruktur künftig zusammenspielen müssen, zeigte Susanne Schulz von der Autobahn GmbH des Bundes. Beim automatisierten Fahren reiche es nicht, Fahrzeuge mit leistungsfähiger Sensorik auszustatten. Auch Straßen, Verkehrsleitsysteme und Kommunikationsinfrastrukturen würden Teil des Verkehrssystems. Vernetzte Mobilität könne damit neue Möglichkeiten für Verkehrssteuerung und Verkehrssicherheit schaffen, stelle aber zugleich hohe Anforderungen an Daten, Technik und Infrastruktur.
Saubere Mobilität ist mehr als Elektromobilität
Die Keynote von Dr. Ingo Düring, Sachverständiger für Luftreinhaltung von der Ingenieurkammer Sachsen, ging der Frage nach, wie Verkehr umweltverträglicher gestaltet werden kann. Dabei wurde deutlich: Nachhaltige Mobilität beginnt und endet nicht beim Antrieb. Neben Abgasen spielen auch Reifen-, Brems- und Straßenabrieb eine Rolle. Gleichzeitig kann ein möglichst gleichmäßiger Verkehrsfluss dazu beitragen, Belastungen zu reduzieren. Um Verkehrsströme zu erfassen und gezielter zu steuern, bieten auch hier digitale Technologien neue Möglichkeiten.
Wie sich Mobilität und Verkehr in der Freien und Hansestadt Hamburg entwickeln, illustrierte Anke Koller, Abteilungsleiterin für Verkehrsentwicklung und Mobilitätsstrategie in der Hamburger Behörde für Verkehr und Mobilitätswende eindrucksvoll anhand konkreter Beispiele der Stadtentwicklung und Verkehrsraumplanung.
Alexander Moser-Haase, Abteilungsleiter Politik und Verkehrswesen beim Deutschen Verkehrssicherheitsrat e. V., rückte die Verkehrssicherheit in den Mittelpunkt. In seinem Vortrag betrachtete er die „Vision Zero“ auch als Innovations- und Risikomanagementstrategie: Ein sicheres Verkehrssystem müsse unter anderem auch menschliche Fehler mitdenken. Gefahren gelte es früh zu erkennen, Risiken präventiv zu reduzieren und Fehler durch mehrere Schutzebenen abzufangen.
Die „Vision zero“ ist eine Leitvision und keinesfalls eine Utopie
Am Nachmittag bot das Netzwerkforum Raum für den direkten Austausch. Rund 30 Unternehmen und Start-ups präsentierten ihre Entwicklungen, während das ThIMo und weitere Forschungs- und Industriepartner aktuelle Forschungsprojekte und -fahrzeuge vorstellte.
Den Abschluss des vielfältigen Programms bildete die Podiumsdiskussion mit Andreas Rade, Anke Koller, Dr. Ingo Düring, Susanne Schulz und Alexander Moser-Haas. Im Zentrum stand das Thema „Mobilität und Verkehr in der Zerreißprobe zwischen Globalisierung, Transformation und Souveränität: Schaffen wir die Wende?“, das aus den unterschiedlichen Perspektiven der Unternehmen, einer Großstadt, der Verkehrssysteme und der Verkehrssicherheit sowie des Umweltschutzes beleuchtet wurde. Auf die Abschlussfrage des Moderators Matthias Hein waren sich alle Beteiligten einig: Die "Vision zero“ ist eine Leitvision und keinesfalls eine Utopie.
Das Thüringer Forum Mobilität machte damit deutlich: Die Mobilität der Zukunft wird nicht durch eine einzelne Technologie entstehen. Elektromobilität, automatisiertes Fahren, digitale Infrastruktur und intelligente Verkehrssteuerung müssen zusammenspielen. Entscheidend ist dabei, Forschung, Wirtschaft, Politik und Praxis miteinander zu verbinden.
„Entscheidend wird sein, wissenschaftliche Kompetenzen mit industrieller Erfahrung in eine wirtschaftliche und kommunale Umsetzung zu überführen, um Innovationen aus dem Labor in die Anwendung zu bringen“, so Matthias Hein.
Offener Dialog zwischen allen Interessensgruppen, politischer Wille, langer Atem und zielorientierte Verantwortungsbereitschaft sind wesentliche Elemente, um die Mobilitäts- und Verkehrswende zu meistern.
Impressionen Thüringer Forum Mobilität 2026
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Prof. Matthias Hein
Direktor Thüringer Innovationszentrum Mobilität