Forschung

Physik im Spiegel

Moleküle, die sich nicht mit ihrem Spiegelbild zur Deckung bringen lassen, besitzen erstaunliche Eigenschaften: Sie können Elektronen gezielt nach ihrem Spin ausrichten und gelten daher als vielversprechende Bausteine für zukünftige miniaturisierte Schaltkreise. Diese sogenannten chiralen Moleküle stehen derzeit im Fokus intensiver Forschung. Forschende der Technischen Universität Ilmenau konnten nun erstmals eindeutig die Chiralität-induzierte Spin-Selektion (CISS) in elektrischen Kontakten einzelner Moleküle nachweisen – veröffentlicht in der renommierten Fachzeitschrift Physical Review Letters: doi.org/10.1103/pgs4-4nds

 

Unsere linke und rechte Hand sehen ähnlich aus – und doch sind sie nicht deckungsgleich. In der Natur bezeichnet man solche spiegelbildlichen, aber nicht identischen Formen als chiral. In lebenden Organismen ist erstaunlicherweise Homochiralität anzutreffen, also nur eine von den beiden möglichen Händigkeiten. Ein prominentes Beispiel ist die DNA-Doppelhelix, die nur in rechtsdrehender Chiralität auftritt. In der Physik spricht man von chiralen Effekten, wenn Experimente mit spiegelbildlichem Aufbau zu unterschiedlichen Ergebnissen führen. Genau diese Eigenschaft steht im Zentrum eines Forschungsfeldes, das in der Festkörperphysik seit geraumer Zeit intensiv diskutiert wird: die sogenannte Chiralität-induzierte Spin-Selektion, kurz CISS. Worum geht es in dieser Debatte?

Elektronen tragen nicht nur elektrische Ladung, sondern auch eine besondere quantenphysikalische Eigenschaft in sich, den sogenannten Spin, eine Art inneren Drehimpuls, der sich etwa durch sein magnetisches Moment bemerkbar machen kann. Der Spin lässt sich technologisch nutzen, um Information zu speichern und zu übertragen. Moderne spintronische Bauelemente verwenden deshalb beide Eigenschaften des Elektrons, nämlich seine Ladung – Strom an oder aus – und seinen Spin – nach oben oder unten weisend. 

Um den Spin auszunutzen, muss er zuvor generiert werden, d.h. Elektronen mit der bevorzugten Spinrichtung müssen aussortiert werden. Eine derzeit intensiv erforschte Möglichkeit, einen Strom von Elektronen zu polarisieren, ihnen also eine gewünschte Spinrichtung zu erteilen, nutzt chirale Moleküle, deren linker oder rechter Drehsinn zusammen mit der Stromrichtung den Spin der Elektronen festlegt. Ursprünglich wurde die Chiralität-induzierte Spin-Selektion beim Fotoeffekt an chiralen Molekülen beobachtet. Die Helixstruktur, das heißt das spiralförmige Molekülegerüst, lag mit zwei Händigkeiten vor, also mit einer im Uhrzeigersinn und einer gegen den Uhrzeigersinn orientierten Windung. Der Spin der fotoemittierten Elektronen hing davon ab, welche der beiden zueinander spiegelbildlichen Varianten der Moleküle die Elektronen auf ihrem Weg ins Vakuum durchlaufen hatten.

Als Wissenschaftler in der Festkörperphysik ist man geneigt, diesen Effekt für miniaturisierte Stromkreise nützlich zu machen”, erklärt Prof. Jörg Kröger, Leiter des Fachgebiets Experimentalphysik I an der TU Ilmenau. Denn das beachtliche Potential des aktuellen Forschungsfeldes der Spintronik liegt in der schnellen und energieeffizienten Arbeitsweise dieser miniaturisierten Schaltkreise. 

Doch bisher ließ sich CISS beim elektrischen Transport durch einzelne Moleküle nicht eindeutig nachweisen, wie Jörg Kröger erklärt:

Genau hier setzte die wissenschaftliche Debatte an, denn experimentelle Daten aus molekularen Stromkreisen haben bislang keine eindeutige Evidenz für CISS gezeigt. Störend waren bei diesen Versuchen, dass äußere Magnetfelder angewendet und hohe Spannungen angelegt werden mussten, denn beides kann zu Resultaten führen, die CISS lediglich vortäuschen.

Die zentrale Herausforderung von Wissenschaftlern weltweit bestand deshalb darin, ein Experiment zu entwickeln, das ohne solche störenden Einflüsse auskommt.

Genau das ist Lorenz Meyer, Doktorand im Fachgebiet Experimentalphysik 1, mit einer besonders eleganten Methode jetzt gelungen: Er nutzte das faszinierende Wechselspiel zwischen Magnetismus und Supraleitung, um eine Sonde mit besonderen Eigenschaften herzustellen. Die supraleitende Bleispitze eines Rastertunnelmikroskops wurde mit einem Nanomagneten aus wenigen Manganatomen dekoriert, so dass elektronische Zustände mit extrem niedriger Energie und Spinpolarisation entstehen. Sie enthalten also lediglich Elektronen von einer Spinsorte, das heißt entweder nach oben oder nach unten orientierte Spins.

“Diese Zustände schlagen gleich zwei Fliegen mit einer Klappe”, so Lorenz Meyer:

Erstens braucht es kein äußeres Magnetfeld zum Wechsel der Spinsorten, da beide Spinrichtungen bereits vorliegen, und zweitens sind die Zustände aufgrund ihrer geringen Energie durch niedrige elektrische Spannungen an der Tunnelbarriere zwischen Spitze und Probe erreichbar.

Auf der anderen Seite der Tunnelbarriere befanden sich im Experiment Heptahelicen-Moleküle auf einem supraleitenden Bleisubstrat. Der Clou dabei, so Lorenz Meyer:

Das berühmte Pasteur-Experiment wurde durch Selbstorganisation der Moleküle auf der Oberfläche durchgeführt: das Racemat aus linkshändigen (Λ) und rechtshändigen (Δ) Molekülen wurde automatisch entmischt, so dass Domänen aus Λ-Molekülen und aus Δ-Molekülen vorgefunden wurden.

Erstmals eindeutiger Nachweis für den CISS-Effekt

Im Hauptteil der Experimente nahm Lorenz Meyer Strom-Spannungs-Charakteristiken der Λ- und Δ-Varianten mit der speziell präparierten Sonde auf. Dabei fand er heraus, dass für eine gegebene Stromrichtung linkshändiges Heptahelicen nach oben gerichtete Elektronenspins produziert, während rechtshändige Heptahelicen nach unten gerichtete Elektronenspins generiert. Drehte er die Stromrichtung durch Umpolung der Spannung, dann kehrte sich ebenfalls der durch die chiralen Moleküle bevorzugte Elektronenspin um. Lorenz Meyer:

Es ist damit erstmalig und unzweideutig gelungen, CISS für das einzelne chirale Molekül nachzuweisen. Dies allein stellt einen substantiellen Fortschritt für das Verständnis des spinpolarisierten Ladungstransports durch chirale Moleküle dar, da fortan die Aufdeckung des physikalischen Mechanismus, dem CISS unterliegt, auf klare experimentelle Ergebnisse für einmolekulare Kontakte zurückgreifen kann.

Darüber hinaus, so der Wissenschaftler, berühren die Ergebnisse eine fundamentale Symmetrie, die durch die so genannte Onsager-Casimir-Reziprozität beschrieben wird: 

Letztere scheint für die molekularen Kontakte nicht zu greifen. Hierzu befindet sich unser Fachgebiet im regen Austausch mit international hochrangigen Theorie-Gruppen.

Unerlässlich für die Forschungsarbeiten war die stete Versorgung der Tieftemperaturexperimente  bei − 269 °C mit Helium aus dem Verflüssiger des Kryolabors im Zentrum für Mikro- und Nanotechnologien der TU Ilmenau, so Meyer. 

Die Arbeiten wurden im Rahmen eines gemeinschaftlichen Projekts durch die Agence Nationale de la Recherche und die Deutsche Forschungsgemeinschaft sowie durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert. Die wissenschaftliche Abhandlung kann in Physical Review Letters, dem wichtigsten Journal für physikalische Forschung, nachgelesen werden. Sie ist als Editors’ Suggestion ausgezeichnet und wird als Synopsis im Physics Magazine zusätzlich hervorgehoben.

Originalpublikation

L. Meyer, N. Néel, J. Kröger, Single-enantiomer spin polarizers in superconducting junctions, Phys. Rev. Lett. (2026). DOI: doi.org/10.1103/pgs4-4nds

Kontakt

M.Sc. Lorenz Meyer

Fachgebiet Experimentalphysik I