„How to Make (almost) Anything“: Unter diesem Motto haben erstmals sechs Studierende und ein Mitarbeiter der Technischen Universität Ilmenau an der Fab Academy (von Englisch: fabrication) teilgenommen. Das anspruchsvolle fünfmonatige Programm, das Online-Lehre in digitaler Fertigung mit kreativen Praxisprojekten im FabLab@TU Ilmenau verbindet, ist aus dem gleichnamigen Kurs des Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Cambridge, USA, hervorgegangen. Die TU Ilmenau ist als einziger Standort in den neuen Bundesländern zertifiziert für das renommierte Programm unter Leitung des MIT-Professors Neil Gershenfeld.
Innerhalb von fünf Monaten lernten die sieben Kursteilnehmenden in Online-Vorlesungen des Physik- und Informatik-Professors sowie im FabLab, dem Makerspace der TU Ilmenau, wie man fast alles selbst herstellen kann. Finanziell wurden sie dabei über Stipendien der Frank Hirschvogel Stiftung und der Universitätsgesellschaft Ilmenau unterstützt. Das aktuell von der Carl-Zeiss-Stiftung und der Stiftung für Innovation in der Hochschullehre im Projekt examING geförderte Lab ist mit seiner hervorragenden Werkzeugausstattung die erste offene Werkstatt in Thüringen, die zum weltweiten FabLab-Netzwerk gehört. Als Teil des Ilmkubator Gründungsservice bietet es insbesondere angehenden Gründerinnen und Gründern die Möglichkeit, Prototypen für ihre Geschäftsideen zu entwickeln.
Wissenstransfer durch Open Source
Die Fab Academy, an der 2025 erstmals auch Studierende der TU Ilmenau teilgenommen haben, wurde 2009 am MIT von Prof. Gershenfeld, heute Leiter des Center for Bits and Atoms im MIT Media Lab, gegründet. Seine Idee: Auch Studierende, die sich keine 40 000 Dollar Semestergebühren leisten können, sollten von der rasanten praktischen Lernerfahrung im so gennannten Rapid Prototyping profitieren können. Als Open Source-basiertes Projekt soll der Kurs außerdem den Wissenstransfer weltweit erleichtern.
Über 1.500 Teilnehmende weltweit haben seitdem das Programm online absolviert. 2025 waren es 177 Studierende aus rund 26 verschiedenen Ländern in allen Zeitzonen, die in 83 FabLabs parallel an ihren Projekten arbeiteten, drei davon an deutschen Universitäten. Auch die Studierenden der TU Ilmenau haben sich seit Januar dieser Herausforderung gestellt. Innerhalb von 20 Wochen erwarben sie umfassende Kompetenzen im Laserschneiden, CNC-Fräsen, 3D-Drucken und Scannen, Schaltungsdesign und in der Fertigung. Jeden Mittwoch um 15 Uhr deutscher Zeit hörten sie eine einstündige Vorlesung des MIT-Professors. Anschließend planten und setzten sie wöchentlich ein neues Projekt und am Ende ein Abschlussprojekt um, das sie umfassend dokumentierten. “Dabei waren wir im Rahmen des Themas und der Anforderungen frei” erklärt Jakob Lerch, Master-Student in Ingenieurinformatik an der TU Ilmenau und einer der Teilnehmenden am Programm. Der Wunsch, in einem Club tanzen und gleichzeitig das Licht im Raum steuern zu können, motivierte ihn, als Abschlussprojekt ein kabelloses und tragbares MIDI-Controller-Armband, genannt „Patchlet“, zu entwickeln. Mitstudent Jarni Raí Cstillo Yarlequé stellte einen Roboterarm her, der als Prothese für Menschen mit Handicap oder humanoide Roboter dienen kann.
Fachliche Betreuung durch erfahrenen Mentor im FabLab@TU Ilmenau
Intensiv betreut wurden die Ilmenauer Studierenden bei der praktischen Umsetzung ihrer Ideen von Ferdinand Meier, Mitarbeiter im FabLab der TU Ilmenau. Als „FabLab Guru“ absolvierte er selbst vor einigen Jahren die Ausbildung an der Fab Academy und hat seitdem als sogenannter „Instructor“ bereits in vier Fab Academy-Standorten weltweit gearbeitet:
Jede Woche haben unserer Studierenden etwas produziert oder abstraktere Aufgaben gelöst wie das Programmieren auf einem kleinen Chip, so genanntes embedded programming
so der Maschinenbauer.
Dafür stand ihnen im FabLab der TU Ilmenau eine hervorragende Ausstattung zur Verfügung: ein 3D-Drucker mit fünf verschiedenen Druckköpfen, ein Vinyl-Schneider, eine kleine CNC-Fräsmaschine mit 5-fach-Werkzeugwechsler, ein Laserschneider sowie Lötstationen und ein Inventar von rund 200 Elektronikkomponenten – Werkzeug, das auch außerhalb der Fab Academy von Mitarbeitenden und Studierenden der TU Ilmenau genutzt werden kann.
Damit haben sie nicht nur jede Woche verschiedenste mechanische Prototypen hergestellt, sondern auch elektronische
erklärt Dr. Dörte Gerhardt, Leiterin des Ilmkubators der Universität, der Angehörige der TU Ilmenau und Gründungsinteressierte auf ihrem Weg in die Selbstständigkeit unterstützt:
In ungeheuer intensiven Wochen haben die Bachelor- und Masterstudierenden in diesem anspruchsvollen, praxisorientierten Programm den gesamten digitalen Produktionsprozess kennengelernt. Dabei haben sie auch einen multikulturellen Blick auf das Thema bekommen und gelernt, im Team zusammenzuarbeiten.
Projektmanagement- und Kommunikationsfähigkeiten gestärkt
Gleich zu Beginn erstellten die Studierenden außerdem eine Webseite. Dort dokumentierte auch Richard Draxler, Mechatronik-Student an der TU Ilmenau, jede Woche seinen Projektfortschritt und sein Abschlussprojekt:
Ich wollte gerne eine Idee, für die ich im November beim Lichttechnik-Wettbewerb der TU Ilmenau ausgezeichnet wurde, zu einem funktionierenden Prototyp weiterentwickeln.
Seine Motivation:
Herkömmliche Lampen, wie wir sie von Fahrrädern kennen, haben komplizierte Befestigungssysteme, die mich aus verschiedenen Gründen immer enttäuscht haben. Sie sind nicht intuitiv zu bedienen, erfordern zwei Hände und sind für Menschen mit motorischen Beeinträchtigungen schwer zu handhaben. Sie gehen leicht kaputt und sind nicht widerstandsfähig.
Schnell stellte der Student fest, dass ein solches Projekt recht komplex ist:
Die Elektronik muss funktionieren, das Gehäuse muss laufen, es gibt Software und die Optik zu bedenken.
Unterstützt wurde er bei dieser Herausforderung vom Fachgebiet Lichttechnik, das ihm half, eine passende Ausleuchtungskurve zu erstellen und Reflexionen zu berechnen. Die so entstandene Simulation wandelte er anschließend mit Hilfe des Fachgebiets Elektrochemie und Galvanotechnik in einen physischen 3D-Druck um, um es schließlich galvanisch beschichten zu lassen:
Dabei habe ich auch meine Projektmanagement- und kommunikativen Fähigkeiten gestärkt: Auf Leute zuzugehen, mit den Fachgebieten zu interagieren, Präsentationen zu erstellen und die Zeit richtig einzuteilen.
Die Lösung, die Richard Draxler im Rahmen der Fab Academy entwickelt hat, heißt „LUEDO“. Die multifunktionale Lampe ist magnetisch, leicht zu bedienen, intelligent und adaptiv, das heißt sie kann sich an ihre Umgebung anpassen und ist so auch für Menschen mit haptischen Einschränkungen nutzbar. Angebracht werden kann sie an verschiedenen Arten von Fahrzeugen und Gehhilfen:
Das heißt wenn ich sie hinten am Fahrrad anbringe, leuchtet sie rot. Wenn ich sie am Rollator oder Rollstuhl befestige, leuchtet sie in der passenden Halterung automatisch weiß auf.
Sein Fazit:
Die Technische Universität Ilmenau mit der Fab Academy ist etwas ganz Besonderes: Wir haben uns täglich intensiv im Lab ausgetauscht. Das Projekt hat nicht nur den Gründerkosmos angefeuert, sondern auch uns näher an diesen Gründerkosmos herangeführt.
Grenzüberschreitender Austausch mit Gleichgesinnten
Auch Niclas Starost, der innerhalb von 20 Wochen ein modulares Open Source Midi Keyboard mit einem Falling Notes LED-Display herstellte, hat durch die Fab Academy viel gelernt:
Vor allem Herstellungsfähigkeiten wie CAD-Design, die so in meinem Studium nicht vorkommen. Aber auch den Aufwand für einen solchen Herstellungsprozess einzuschätzen, was ja vor allem mit Blick auf eine mögliche Existenzgründung sehr wichtig ist. Wenn ich nicht schon während meines Studiums diese Möglichkeit gehabt hätte, hätte ich mir diese Fähigkeiten nur sehr schwer über die Jahre erarbeiten können.
Als erster Ilmenauer hat der Informatik-Student die Fab Academy erfolgreich abgeschlossen – und damit die Gelegenheit, vom 4. bis 11. Juli 2025 an der FAB25-Konferenz in Prag teilzunehmen.
Es ist schon ziemlich cool, dass ich dort die Gelegenheit habe, mich mit vielen weiteren Gleichgesinnten auszutauschen und Professor Gershenfeld auch persönlich kennenzulernen, wenn er uns die Zertifikate überreicht.
„Ein neuer Blick auf die eigene Umwelt“
Student Jakob Lerch sieht in der Fab Academy einen weiteren Wert:
Es ermächtigt die Teilnehmenden, Dinge für ihre eigene Community schnell und effizient zu produzieren und damit weniger abhängig von globalen Lieferketten zu sein. Dadurch wird es möglich, Dinge einfacher zu reparieren, neue Teile einfach zu entwerfen und zu drucken. Diese Fähigkeiten eröffnen einem einen neuen Blick auf die eigene Umwelt: Man denkt viel mehr darüber nach, wie man seine Umgebung gestalten kann, als sich nur darin zu bewegen.
Ob aus all diesen Ideen auch Unternehmensgründungen hervorgehen, wird sich zeigen. Ihre Projektergebnisse stellten die Studierenden bei einem Netzwerktreffen im Technologie- und Gründerzentrum bereits Ilmenaus Oberbürgermeister Dr. Daniel Schultheiß und anderen Gästen vor. Dabei haben sie gezeigt, was möglich ist, wenn Ideen, digitale Werkzeuge und Unternehmergeist zusammenkommen.
Gründen in Ilmenau kann man tatsächlich als Erfolgsmodell bezeichnen. Hier sind viele Macher, die bereits sind, einander zu helfen und in Austausch zu gehen
so der Oberbürgermeister.