Studium

SUNRISE-Sommerpraktikum: „Es war eine Win-win-Situation“

Zwei Bachelor-Studentinnen der Biomedizin an der European University Cyprus forschten acht Wochen lang an der Technischen Universität Ilmenau – und entdeckten dabei nicht nur neue Forschungsmethoden, sondern auch Deutschland und Europa.

Praktikantin mit Laborausrüstung TU Ilmenau/Barbara Aichroth

Zwei Monate lang forschen, neue Labortechniken kennenlernen und viele neue Eindrücke sammeln: Jana Nammour und Oyeleke Marvellous Ayomide, Bachelor-Studentinnen des Studiengangs Biomedical Sciences an der European University Cyprus (EUC), einer Partneruniversität der TU Ilmenau in der Europäischen Hochschulallianz SUNRISE, absolvierten von Juli bis September 2026 ein Sommerpraktikum an der TU Ilmenau. Gemeinsam mit PhD-Student Aurelio Morales-Murillo arbeiteten sie am Institut für Biomedizinische Technik und Informatik (BMTI) an neuen Technologien für die Elektroenzephalografie, kurz EEG. 

Mit Hydrogel auf der Spur von Gehirnsignalen

Im Mittelpunkt des Forschungspraktikums standen Elektroden aus Hydrogel – einem weichen, leitfähigen Material, das als Schnittstelle zwischen Haut und Elektrode dient. Sie sollen einen guten elektrischen Kontakt ermöglichen und zugleich flexibel an der Haut anliegen, um die elektrische Aktivität des Gehirns auf der Kopfhaut möglichst präzise zu messen. „Klassische EEG-Elektroden werden häufig mit Gel oder Paste befestigt“, erklärt Doktorand und Praktikumsbetreuer Aurelio Morales-Murillo. „Das ermöglicht einen guten Kontakt, ist in der Vorbereitung aber aufwendig. Trockene Elektroden hingegen wären zwar einfacher anzuwenden, haben aber häufig einen höheren elektrischen Widerstand zwischen Haut und Elektrode.“ Außerdem könnten sie bei Bewegung störanfälliger und teilweise weniger angenehm zu tragen sein. Zudem sind sowohl Trockenelektroden als auch Gel-Elektroden momentan nicht für besonders lange Messungen geeignet, da das Gel trocknen kann oder die Trockenelektroden auf Dauer unangenehm werden.

Hydrogel-Elektroden verbinden gewissermaßen Vorteile von Gel-Elektroden und trockenen Elektroden und könnten damit den Weg für tragbare, patientennahe EEG-Systeme ebnen, die auch außerhalb des Labors für mobile und längere Messungen eingesetzt werden können.

Auf der Suche nach der besten „Rezeptur“

Während ihres Praktikums konzentrierte sich Jana vor allem darauf, die Hydrogele herzustellen und ihre Zusammensetzung zu optimieren. „Danach habe ich sie elektrisch und mechanisch getestet, um herauszufinden, welche ‚Rezeptur‘ am besten funktioniert.“

Dabei prüfte die Studentin unter anderem, wie gut die Hydrogele elektrische Signale übertragen und wie stabil sie sind. Aber auch darauf, wie gut sie auf der Haut haften, komme es an, so Aurelio Morales-Murillo: „Wir brauchen das Hydrogel, damit die Elektrode stabil am Kopf sitzt. Gleichzeitig muss die elektrische Leitfähigkeit stimmen, damit wir die Signale des Gehirns erfassen können."

Nach zahlreichen Tests konnte Jana kurz vor Ende ihres Praktikums tatsächlich eine besonders geeignete Zusammensetzung des Hydrogels für die EEG-Sensoren finden, wie von Marvellous parallel durchgeführte Tests zeigten. Die gebürtige Nigerianerin arbeitete während des Praktikums vor allem mit dem EEG-System selbst. „Ich habe hauptsächlich mit der EEG-Kappe gearbeitet und die von Jana hergestellten Hydrogele an den Elektroden angebracht."

Anschließend prüfte sie die elektrischen Eigenschaften und die so genannte Impedanz. Sie zeigt, wie gut die Elektrode elektrischen Kontakt zur Haut hat. Je niedriger sie ist, desto besser ist meist die Qualität des EEG-Signals. Dafür positionierte Marvellous die EEG-Kappe auf dem Kopf von Probanden und überprüfte den Kontakt zwischen Elektrode und Haut. „Wenn der Wert zu hoch ist, stimmt etwas nicht. Wenn er im normalen Bereich liegt, ist das perfekt. Dann versuchen wir, die Daten zu analysieren und Erkenntnisse raus zu gewinnen.“ 

Vom Studium ins Forschungslabor

Für beide Studentinnen bot das Praktikum so die Möglichkeit, Forschung nicht nur aus Lehrbüchern kennenzulernen, sondern selbst daran mitzuarbeiten.

„Ich wollte mehr Erfahrung sammeln, lernen, auf eigenen Beinen zu stehen und hier in Deutschland neues Wissen gewinnen", sagt Marvellous. Besonders die eigenverantwortliche Arbeit im Labor habe sie geprägt. „Ich habe gelernt, selbstständig und hart zu arbeiten."

Ähnlich beschreibt auch Jana ihre Erfahrungen: Versuchsabläufe eigenständig zu organisieren, Informationen selbst zu recherchieren und Ergebnisse innerhalb des Forschungsteams zu kommunizieren waren neue Erfahrungen für sie:

Die Besonderheit dieses Forschungsprojekts hat meine Erfahrung sehr erweitert. Für mich war es etwas ganz Neues, weitgehend selbständig im Labor zu arbeiten.

Auch Betreuer Aurelio Morales-Murillo beschreibt die Zusammenarbeit als Gewinn: 

Es war eine Win-win-Situation. Allein was Jana gemacht hat, hätte mich mit all meinen anderen Aufgaben wahrscheinlich drei oder vier Monate beschäftigt. Nach einer intensiven Trainingswoche konnten beide Studentinnen schon sehr selbstständig arbeiten.

„Die Deutschen sind Vorreiter im Ingenieurwesen“

Die Möglichkeit für das Praktikum entstand über das Netzwerk der Europäischen Hochschulallianz SUNRISE, die von der TU Ilmenau koordiniert wird. „Ich habe von der Möglichkeit durch meine Programmkoordinatorin in Zypern erfahren“, so Jana. „Sie wusste, dass ich mich für Forschung interessiere und mich akademisch weiterentwickeln möchte. Deshalb habe ich mich sehr über diese Gelegenheit gefreut.“

Für das Praktikum standen Frankreich und Deutschland zur Auswahl. Marvellous und Jana entschieden sich für Ilmenau – unter anderem wegen der technischen Ausstattung an der Universität und der Möglichkeit, in einem ingenieurwissenschaftlich geprägten Umfeld zu arbeiten, so Jana: „Die Deutschen sind Vorreiter im Ingenieurwesen und der Entwicklung innovativer Technologien."

Doch für Jana war Deutschland nicht nur als Forschungsstandort attraktiv. Sie besuchte unter anderem auch Berlin, Köln, Bonn, Stuttgart, Weimar und Bayern. Besonders beeindruckten sie die Landschaft und die Architektur, so die Studentin: 

Deutschland hat mich gelehrt, abenteuerlustiger zu sein und mich stärker mit der Natur zu verbinden. Hier, in der Natur, konnte ich echte Ruhe erleben.

Gerade im stressigen Studienalltag sei dieser Ausgleich wichtig. Für sie gehe es darum, Leistung und Freizeit miteinander zu verbinden: „Es geht immer um die Balance zwischen Spaß, Entspannung und harter Arbeit." Auch Marvellous nahm eine Erfahrung aus dem deutschen Arbeitsalltag mit: Pünktlichkeit – „Wenn man sagt, dass es um neun Uhr losgeht, muss man auch um neun Uhr da sein. Das ist eine gute Regel – und eine Lektion für jeden Tag.“

Was bleibt?

Nach acht Wochen SUNRISE-Praktikum nehmen beide nicht nur neue Forschungserfahrungen mit nach Hause, sondern weit mehr. Es seien auch Freundschaften und persönliche Eindrücke, die bleiben, so Jana: 

Ich nehme Freundschaften und ein besseres Verständnis der deutschen Kultur mit. Und auch einen besseren Geschmack bei Bier.

Marvellous möchte ihre Deutschkenntnisse weiter ausbauen und in Zypern einen Deutschkurs besuchen.

 

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