Forschung

Wissenschaftliche Exzellenz, die internationale Debatten mitprägt

Von der Analyse digitaler Protestnetzwerke über neue Verfahren zur Bearbeitung ultradünner Materialien und zu energieeffizientem Maschinellen Lernen bis hin zum Einsatz künstlicher Intelligenz in der Turbulenzforschung: Die am 6. Oktober mit dem Publikationspreis 2025 der TU Ilmenau ausgezeichneten Arbeiten zeigen die gesellschaftliche Relevanz der Forschung an der Universität. 

Drei Personen bei Preisübergabe Barbara Aichroth
Für ihre Studie zur Kommunikation der Querdenken-Bewegung auf Telegram wurden Maximilian Zehring (Mitte) und Prof. Emese Domahidi von Vizepräsident Prof. Stefan Sinzinger mit dem Publikationspreis in der Kategorie Wirtschafts- und Sozialwissenschaften ausgezeichnet.

Der mit 2.500 Euro dotierte Publikationspreis wird alle zwei Jahre vergeben. In die Auswahl durch den Forschungsausschuss der TU Ilmenau fließen unter anderem die internationale Sichtbarkeit, die methodische Stärke und die gesellschaftliche oder technologische Relevanz ein. 

Wirtschafts- und Sozialwissenschaften: Wie Protestnetzwerke auf Telegram funktionieren

Der Publikationspreis in der Kategorie „Wirtschafts- und Sozialwissenschaften“ ging an Maximilian Zehring und Prof. Emese Domahidi. Ihre Studie untersucht die Kommunikation der Querdenken-Bewegung, der treibenden Kraft hinter den deutschen Corona-Protesten, auf Telegram. 

Um mögliche Verbindungen dieser Bewegung zur rechten Szene und zu alternativen Medien zu untersuchen – und um Schlüsselthemen des Querdenken-Netzwerks im Laufe der Zeit zu erforschen – analysierten Maximilian Zehring und Emese Domahidi 6.294.955 Nachrichten aus 578 öffentlichen Telegram-Kanälen.

Mithilfe computergestützter Verfahren konnten sie nachvollziehen, welche Inhalte besonders häufig weiterverbreitet werden, welche Akteure im Netzwerk besonders einflussreich sind und welche Themen die Kommunikation bestimmen.

„Damit gehörte unsere Studie zu den ersten systematischen Untersuchungen der Querdenken-Bewegung auf Telegram überhaupt“, so Erstautor Maximilian Zehring anlässlich der Preisverleihung. Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass die Untergruppen von Querdenken vorzugsweise Inhalte von rechtsextremen und QAnon-Communities weiterleiten, während rechtsextreme und verschwörungstheoretische alternative Medienkanäle als Content-Verteiler für die Bewegung fungieren. Damit leiste die Studie auch für politische Entscheidungsträger einen wichtigen Beitrag zum Verständnis digitaler Öffentlichkeiten, erklärt Prof. Emese Domahidi, Mitautorin und Leiterin des Fachgebiets Computational Communication Science: 

Viele der untersuchten Akteure sind bis heute aktiv, auch auf politischer Ebene. Das macht die Studie natürlich nach wie vor relevant.

Ingenieurwissenschaften: Mikrosystemtechnik für die Elektronik und Sensorik von morgen

In der Kategorie „Ingenieurwissenschaften“ zeichnete die Universität die in der renommierten Fachzeitschrift „Advanced Materials“ veröffentlichte Arbeit von Dr. Christoph Reuter, Dr. Gernot Ecke und Prof. Steffen Strehle mit dem Publikationspreis aus. Gemeinsam entwickelten sie am Beispiel des Halbleitermaterials Molybdänditellurid (MoTe2) eine unkonventionelle Methode, um extrem dünne und empfindliche zweidimensionale Materialien präzise zu strukturieren, in Form zu bringen und zu integrieren, ohne sie zu beschädigen.

MoTe₂ gilt als ein vielversprechendes Material für zukünftige Anwendungen in der Elektronik und Sensorik, etwa für besonders kleine, schnelle und energieeffiziente Bauelemente. Seine geringe Dicke und die Materialempfindlichkeit machen die Bearbeitung jedoch zu einer besonderen Herausforderung.

Die ausgezeichnete Publikation stellt dafür einen neuen und vergleichsweise einfachen Ansatz vor: Mit einer extrem feinen, nanometerskaligen Spitze wird die Oberfläche des Materials lokal chemisch verändert. Auf diese Weise lassen sich kleinste Strukturen ohne zusätzliche Lack- oder Schutzschichten in das Material einbringen.

Die Forschungsergebnisse entstanden im Rahmen des Graduiertenkollegs „Spitzen- und laserbasierte 3D-Nanofabrikation in ausgedehnten makroskopischen Arbeitsbereichen (3D-NanoFab)“. „Als Doktorand der zweiten Generation des Graduiertenkollegs hat Herr Dr. Reuter diese Forschungsarbeiten ganz wesentlich geprägt. Ich freue mich sehr, dass er seine wissenschaftliche Laufbahn inzwischen erfolgreich fortsetzt“, so Prof. Steffen Strehle, Sprecher des Graduiertenkollegs und Fachgebietsleiter der Mikrosystemtechnik an der TU Ilmenau, anlässlich der Preisverleihung.

Mathematik und Naturwissenschaften: Künstliche Intelligenz zur Vorhersage turbulenter Strömungen

Der Publikationspreis in der Kategorie „Mathematik und Naturwissenschaften“ ging an Dr. Theo Käufer und Prof. Christian Cierpka vom Institut für Thermo- und Fluiddynamik. Ihre Arbeit, die in Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern der Brown University in den USA entstand, zeigt, wie sich thermische Turbulenzen mithilfe künstlicher Intelligenz und hochaufgelöster Messdaten besser untersuchen lassen.

Thermische Turbulenz entsteht, wenn Temperaturunterschiede Flüssigkeiten oder Gase in unregelmäßige, wirbelnde Bewegungen versetzen. Solche Prozesse spielen beispielsweise in der Atmosphäre, in technischen Anlagen und bei der Energieumwandlung eine Rolle. Sie sind allerdings schwer vollständig zu erfassen, weil sich nicht alle Größen an jedem Ort direkt messen lassen.

Hier setzt die ausgezeichnete Studie an. Die Forschenden verbinden erstmals reale dreidimensionale Messdaten einer Strömung mit einem KI-Modell, das nicht nur aus Daten lernt, sondern auch physikalische Gesetzmäßigkeiten berücksichtigt. So kann das Modell beispielsweise Temperaturfelder an Stellen vorhersagen, an denen keine direkte Messung möglich ist. Prof. Christian Cierpka, Direktor des Instituts für Thermo- und Fluiddynamik, erklärt:

Die einzigartige Kombination unserer Messtechnik, die es erlaubt, dreidimensional Geschwindigkeit und Temperatur zu erfassen, mit den neuartigen physikbasierten neuronalen Netzen der Brown University, eröffnet damit ganz neue Möglichkeiten, komplexe physikalische Systeme genauer zu analysieren und besser zu modellieren.

Die Studie diente zugleich auch als Türöffner für die wissenschaftliche Karriere von Dr. Theo Käufer. Als PostDoc forscht er inzwischen am Massachusetts Institute of Technology (MIT), USA, an turbulenten Strömungen und ihrer Vorhersage mittels künstlicher Intelligenz.

Sonderpreis für besondere Originalität: Effizienteres Maschinelles Lernen für komplexe Systeme

Mit einem Sonderpreis für besondere Originalität zeichnete der Forschungsausschuss Dr. Lina Jaurigue und Prof. Kathy Lüdge aus. In ihrer Arbeit beschäftigen sie sich damit, wie sich komplexe dynamische Systeme optimieren lassen, um Daten möglichst effizient zu verarbeiten.

Komplexe dynamische Systeme wie das menschliche Herz, Verkehr, Wetter oder das globale Klima lassen sich nur schwer vorhersagen – insbesondere, wenn nicht alle relevanten Messdaten zur Verfügung stehen. Gleichzeitig steigt der Bedarf an präzisen und energieeffizienten Vorhersageverfahren. 

In ihrer Arbeit entwickelten die Forscherinnen deshalb kompakte, recheneffiziente Algorithmen, mit denen sich so genannte Reservoir Computer einfacher und zuverlässiger für das Maschinelle Lernen und die Vorhersage komplexer zeitlicher Prozesse einsetzen lassen. Indem die Forscherinnen die zeitliche Dynamik der Reservoirs gezielt an die jeweilige Aufgabe anpassen, müssen weniger Parameter aufwendig eingestellt werden, was die Methode besonders flexibel und effizient macht.

„Das klingt zunächst sehr theoretisch, hat aber eine große praktische Relevanz“, erklärt Dr. Lina Jaurigue, Leiterin der CZS Nachwuchsgruppe für Interpretierbare Modelle für effiziente analoge Zeitserienvorhersage an der TU Ilmenau. 

Langfristig können die Methoden dazu beitragen, dynamische Systeme zu entwickeln, die nicht nur leistungsfähig, sondern auch ressourcenschonend sind – etwa für Anwendungen in Medizin, Industrie oder mobilen Geräten.

„Die diesjährigen ausgezeichneten Publikationen stehen exemplarisch für die vielfältige exzellente wissenschaftliche Arbeit, die von den Forscherinnen und Forschern an der TU Ilmenau geleistet wird“, so Prof. Stefan Sinzinger, Vizepräsident für Forschung und wissenschaftlichen Nachwuchs anlässlich der Preisübergabe im Senat. 

Sie sind das Resultat einer interdisziplinären Forschungskultur, die neue Antworten auf komplexe Herausforderungen großer gesellschaftlicher Bedeutung sucht und damit hervorragende Entwicklungsmöglichkeiten für Studierende und den wissenschaftlichen Nachwuchs bietet.

Originalpublikationen

Wirtschafts- und Sozialwissenschaften

Zehring, M., & Domahidi, E. (2023). German Corona Protest Mobilizers on Telegram and Their Relations to the Far Right: A Network and Topic Analysis. Social Media + Society, 9(1).
doi.org/10.1177/20563051231155106

Ingenieurwissenschaften

Reuter, C., Ecke, G., & Strehle, S. (2023). Exploring the Surface Oxidation and Environmental Instability of 2H-/1T'-MoTe2 Using Field Emission-Based Scanning Probe Lithography. Advanced Materials.
doi.org/10.1002/adma.202310887

Mathematik und Naturwissenschaften

Toscano, J., Käufer, T., Wang, Z., Maxey, M., Cierpka, C., & Karniadakis, G. E. (2025). AIVT: inference of turbulent thermal convection from measured 3D velocity data by physics-informed Kolmogorov-Arnold networks. Science Advances, 11, eads5236.
doi.org/10.1126/sciadv.ads5236

Sonderpreis für besondere Originalität

Jaurigue, L., & Lüdge, K. (2024). Reducing reservoir computer hyperparameter dependence by external timescale tailoring. Neuromorphic Computing and Engineering, 4, 014001.
doi.org/10.1088/2634-4386/ad1d32

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