Von Ilmenau über Dänemark und die Niederlande zurück nach Thüringen: Dr. Sophia Gänßle hat verschiedene Wissenschaftskulturen kennengelernt. Heute arbeitet die Alumna der TU Ilmenau als Datenwissenschaftlerin in der Zukunftsforschung bei der Landesentwicklungsgesellschaft Thüringen (LEG Thüringen). Im Interview erzählt sie, was für sie die TU Ilmenau besonders macht, wie aus einem Bauchtanzkurs ein internationales Showprojekt entstand und warum Ilmenau für sie der perfekte Ort ist, um eigene Ideen zu verwirklichen.
Sie sind vor über zehn Jahren aus München nach Ilmenau gekommen. Wie kam es dazu?
Ich habe in Ilmenau Medienwirtschaft im Bachelor und Master studiert – der Studiengang heißt heute Digital Business. Ich finde, das ist ein sehr passender Titel für das digitale Zeitalter. Damals gab es den Studiengang nur in Ilmenau und an einer Fachhochschule in Stuttgart. Ilmenau war deshalb meine erste Wahl.
Nach meinem Studium habe ich am Fachgebiet Wirtschaftstheorie promoviert und anschließend ein Jahr als Postdoc in Ilmenau und Dänemark gearbeitet. Danach wurde ich als Assistenzprofessorin an die Erasmus-Universität Rotterdam berufen. Dort war ich etwa zwei Jahre, bevor ich schließlich nach Ilmenau zurückgekehrt bin.
Die Erasmus-Universität Rotterdam gehört zu den renommierten Hochschulen Europas. Was hat Sie dazu bewogen, nach Thüringen zurückzukehren?
Ich habe an verschiedenen Universitäten gelehrt: in Ilmenau, an der Bauhaus-Universität Weimar, in Pforzheim, an der Süddänischen Universität in Esbjerg und natürlich in Rotterdam. Dabei habe ich drei Dinge gelernt.
Erstens: Alle kochen nur mit Wasser. Zweitens: Die TU Ilmenau hat eine wirklich herausragende Ausstattung – von den Fördermöglichkeiten über die Labore bis hin zur technischen Infrastruktur. Ich habe andere Universitäten kennengelernt und kann sagen, dass das hier etwas Besonderes ist.
Und drittens ist die Qualität der Lehre hervorragend. In Rotterdam habe ich etwa 70 Bachelor- und Masterarbeiten mitbetreut. Für die Betreuung im Bachelor hatte ich pro Person gerade einmal zehn Minuten. Das war fast wie Speed-Dating: Ein Wecker klingelte, die Studierenden wechselten die Plätze, und schon war das nächste Thema an der Reihe.
In Ilmenau hatte ich dagegen eine halbe Stunde, manchmal sogar eine Stunde Zeit, um mit Studierenden über ihre Abschlussarbeiten zu sprechen. So konnte ich auf Schwierigkeiten eingehen und besonders motivierte Studierende auch bei anspruchsvolleren Themen intensiver unterstützen. Die Betreuung ist hier sehr persönlich, und die Studierenden erfahren viel Unterstützung. Das ist wirklich besonders.
"Die True Colors of Ilmenau - das, was Ilmenau so lebenswert macht - haben mich nicht losgelassen"
Gab es noch weitere Gründe für Ihre Rückkehr nach Thüringen und Ilmenau?
Ja, die vielen Vereine und Initiativen auf dem Campus, die mich nicht losgelassen haben – die True Colors of Ilmenau, also das, was Ilmenau so lebenswert macht. Oft wird von einer Campusfamilie oder Community gesprochen. Ich glaube allerdings, dass das noch gar nicht den Kern trifft.
Hier entstehen viele kleine Gemeinschaften, die zusammen eine große akademische Gemeinschaft bilden. Daraus entwickelt sich ein vielfältiges Miteinander, in dem Menschen ihre Interessen teilen, eigene Ideen verwirklichen und gemeinsam etwas auf die Beine stellen können.
Sie selbst sind seit vielen Jahren und auch heute wieder Teil dieser Gemeinschaft – unter anderem durch den orientalischen Tanz. Wie hat das angefangen?
Ich habe vor ziemlich genau 20 Jahren in München mit dem orientalischen Tanz, auch Bauchtanz genannt, angefangen. Als ich nach Ilmenau kam, suchte ich nach einem entsprechenden Kurs. Weder beim Unisportzentrum noch bei den Tanzstudios wurde ich fündig. Das hat mich zunächst enttäuscht.
Nach einem Jahr schaute ich noch einmal auf die Website des Unisportzentrums – diesmal mit dem Gedanken, vielleicht einen Fitness- oder Yogakurs zu besuchen. Und siehe da: Es gab einen Kurs für orientalischen Tanz, angeboten von einer Mathematikstudentin. Natürlich habe ich mich sofort angemeldet. Damit begann eine ganz besondere Geschichte.
Aus diesem Kurs ist die Tanzgruppe Oriana entstanden. Wie hat sich das Projekt entwickelt?
2014 hatten wir unseren ersten gemeinsamen Auftritt, damals im BH-Club. Daraus entwickelte sich das Projekt Oriana. Möglich wurde das auch durch das Konzept des Unisportzentrums, bei dem Studierende selbst Kurse anbieten und andere Studierende trainieren können. Natürlich gibt es auch professionelle Trainerinnen und Trainer. Aber gerade die Möglichkeit, selbst Initiative zu ergreifen und kreativ zu werden, macht das Angebot so vielfältig.
Aus solchen Initiativen sind tolle Formate entstanden, zum Beispiel der Dancing Bash, der inzwischen jedes Jahr im Rahmen der Bergfestwoche stattfindet. Dabei kommen Tänzerinnen und Tänzer aus verschiedenen Gruppen der Universität zusammen und gestalten eine gemeinsame Show. Jedes Jahr stehen zwischen 70 und 100 Menschen auf der Bühne und präsentieren ein etwa anderthalb- bis zweistündiges Programm. Je nach Veranstaltung kommen 200 bis 300 Zuschauerinnen und Zuschauer, manchmal sogar rund 500.
Es ist beeindruckend, was aus der ursprünglichen Idee einer Mathematikstudentin geworden ist, die sich dachte: Ich kann ganz gut Bauchtanzen und würde gern einen Kurs anbieten.
Inwiefern sind Sie selbst noch bei Oriana aktiv?
Oriana gibt es inzwischen seit über zehn Jahren. Unser Jubiläum haben wir letztes Jahr mit einer großen Veranstaltung im Audimax und einer professionellen Lichtshow gefeiert. Auch dahinter steckt eine typische Ilmenauer Geschichte: Menschen, die sich an der Universität mit Lichttechnik beschäftigt haben, machten sich später selbstständig und bieten ihre Fähigkeiten nun professionell an.
In den zehn Jahren hatten wir Tänzerinnen und Tänzer aus aller Welt und sind bei mehr als 70 Shows aufgetreten. Dass sich das Projekt so entwickelt hat und die Nachfrage bis heute so groß ist, finde ich außergewöhnlich.
“Für mich bedeutet Ilmenau: Exzellenz, Vielfalt und Weltoffenheit”
Was unterscheidet aus Ihrer Sicht Ilmenau in dieser Hinsicht von einer Großstadt wie München?
Wenn ich ehrlich bin: In München interessiert es kaum jemanden, ob man ein eigenes Projekt auf die Beine stellen oder irgendwo auftreten möchte. In Ilmenau gibt es dagegen eine Infrastruktur und eine Gemeinschaft, die solche Ideen möglich machen.
Das gilt nicht nur für den Tanz. Hier entstehen Filme, Radiosendungen, Musikfestivals und Kurzfilmfestivals – ganz unterschiedliche Formate, die Menschen gemeinsam entwickeln und auf die Bühne bringen. Wer etwas mit Begeisterung verfolgt, findet hier oft die Möglichkeit, es tatsächlich umzusetzen.
Gilt das auch über Sport und Kultur hinaus, etwa in den Ingenieurwissenschaften?
Absolut. Wenn jemand eine Fahrradwerkstatt aufbauen, Drohen oder Roboter entwickeln oder eine eigene Seifenkiste konstruieren möchte, dann gibt es hier Menschen, Labore und Strukturen, die solche Vorhaben unterstützen. Auf meinen Stationen an anderen Universitäten habe ich diese Möglichkeiten in dieser Form nicht erlebt. Besonders beeindruckt mich, wie viel Resonanz die Initiativen in Ilmenau bekommen: Menschen kommen zu Veranstaltungen, lassen sich begeistern und helfen dabei, Ideen weiterzuentwickeln. So entsteht eine ganz eigene Kultur – Culture made in Ilmenau.
Was möchten Sie als Alumna unserer Universität den neuen Studierenden zum Start in ihr Studium mitgeben?
Ihr seid Teil dieser Kultur. Gestaltet sie mit!
Es wird immer wieder gesagt – und Sie haben es wahrscheinlich in dieser Woche schon gehört oder werden es noch hören: Ilmenau ist, was du draus machst. Das kann ich nur unterstreichen. Ich würde noch ergänzen: Wenn ihr den Mut habt, euch mit euren Ideen und Interessen zu zeigen, dann wird euer Potenzial in Ilmenau gesehen und gefördert.
Ich hoffe, dass ihr euren Platz in Ilmenau findet – oder ihn selbst schafft, so wie wir es getan haben. Bringt euer eigenes Licht in diese bunte Gemeinschaft ein. Denn für mich bedeutet Ilmenau: Exzellenz, Vielfalt und Weltoffenheit.
AlumniCampus
Ob Technische Universität, Technische Hochschule oder Hochschule für Elektrotechnik – das Studium in Ilmenau hat das Leben und den beruflichen Werdegang tausender Alumni entscheidend mitgeprägt. Sie haben in ihrer Studienzeit Wissen erlangt, Erfolge gefeiert, Rückschläge eingesteckt und Gemeinschaft erlebt. Der Campus der TU Ilmenau war für sie ein Zuhause auf Zeit und wird immer ihre akademische Heimat bleiben. Diese Verbindung beruht auf Gegenseitigkeit: Auch die Alumni haben die TU Ilmenau zu der Universität gemacht, die sie heute ist.
Das Alumni-Netzwerk ermöglicht es, diese Verbindung zu erhalten, den Kontakt zu ehemaligen Kommilitoninnen und Kommilitonen fortzuführen, sich für aktuelle Studierende zu engagieren und von einem starken weltweiten Netzwerk zu profitieren.