Wie lässt sich die Abfalltrennung in einem studentischen Wohnheim verbessern – und welche Rolle können Studierende der Ingenieurwissenschaften und der Kommunikationswissenschaft dabei spielen? Diese Fragen standen im Mittelpunkt eines Lehrprojekts an der TU Ilmenau, das Teil der vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) geförderten Forschungsinitiative Klima-N ist. Unter dem Titel „Engineering Meets Communication Science“ arbeiteten Studierende und Lehrende verschiedener Fachrichtungen gemeinsam daran, praxisnahe Lösungen für mehr Nachhaltigkeit auf dem Campus zu entwickeln.
„Engineering Meets Communication Science“: Ein interdisziplinäres Lehrprojekt für Nachhaltigkeit
Universitäten als Motoren des Wandels
Universitäten sind nicht nur Lernorte, sondern auch Reallabore für gesellschaftlichen Wandel. Als Einrichtungen, in denen zukünftige Entscheidungsträger ausgebildet werden, tragen sie eine besondere Verantwortung. An der TU Ilmenau nimmt das Forschungsteam des Projekts „KLIMA-Netzwerk für mehr Nachhaltigkeit in Thüringen“ diese Verantwortung ernst: Dank eines interdisziplinären Lehrformats rund um das Thema Abfalltrennung und -vermeidung wird Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) für Studierende praktisch erfahrbar.
Die Idee für das Projekt entstand in Zusammenarbeit mit der Universität Erfurt, die über langjährige Erfahrung in der Integration von BNE in die Lehre verfügt. Diese Erfahrungen wurden systematisch im Rahmen von Klima-N ausgewertet. Das Lehrprojekt setzt BNE in der Hochschullehre anhand von vier zentralen Elementen und Zielen um:
- reale gesellschaftliche Probleme ansprechen
- verschiedene Perspektiven und Weltbilder integrieren
- Kommunikation und aktive Beteiligung der Studierenden fördern
- das Selbstwirksamkeitserleben der Studierenden stärken und Teamentscheidungen ermöglichen
Interdisziplinäre Zusammenarbeit mit praktischem Nutzen
Das Lehprojekt vereint das Fachgebiet Empirische Medienforschung und Politische Kommunikation (EMPK) der Fakultät Wirtschaftswissenschaften und Medien mit dem Fachgebiet Produkt- und Systementwicklung der Fakultät Maschinenbau. Die Besonderheit: Für das Projekt wurden zwei bestehende Lehrveranstaltungen zusammengeführt – das praxisorientierte Modul „Communication for a Better Future“ im englischsprachigen Masterstudiengang Media and Communication Science sowie das Modul „Entwicklungsmethodik“ in den deutschsprachigen Bachelorstudiengängen Maschinenbau, Fahrzeugtechnik, Mechatronik und Wirtschaftsingenieurwesen.
Zu Beginn führten die Studierenden Medien- und Kommunikationswissenschaft eine Stakeholder-Analyse durch, um die Bedürfnisse der Personen, die in den Wohnhäusern wohnen, und die praktischen Voraussetzungen für effektive Abfalltrennung zu verstehen. Diese Erkenntnisse bildeten die Grundlage für eine gezielte Kommunikationsstrategie. Gleichzeitig lieferten sie wertvolle Hinweise für die Ingenieurstudierenden, um ein erstes Konzept für eine Maschine zu entwickeln, die automatisch Abfallarten erkennen kann.
Parallel dazu entwarfen die Kommunikationsstudierenden eine Strategie, um ihre Mitstudierenden in den Wohnheimen zu informieren und zu motivieren, Abfall im Alltag korrekt zu trennen. Dabei ging es nicht nur um Wissensvermittlung, sondern darum, nachhaltige Verhaltensweisen aktiv zu fördern. Dafür mussten sie sowohl das Abfalltrennungssystem als auch die Gewohnheiten der Menschen verstehen.
Oft werden Umweltthemen in Seminaren sehr theoretisch behandelt, aber dieses Projekt hat das Thema direkt in die Realität geholt – in die Küchen, Mülltonnen und den Alltag der Menschen,
sagt Abdur Rab Khan, Masterstudent der Medien- und Kommunikationswissenschaft, der am Kurs teilnahm.
Prof. Jens Wolling, Leiter des Fachgebiets EMPK, war besonders beeindruckt vom Engagement der Studierenden:
Es war eine Herausforderung, innerhalb eines Semesters eine echte Kommunikationsstrategie in einem realen Umfeld zu entwickeln und umzusetzen. Die Studierenden haben Theorie angewendet, ihre Zeit gemanagt, effektiv zusammengearbeitet und unterschiedliche Ideen zusammengebracht, um ihr Ziel zu erreichen.
Das interdisziplinäre Lehrkonzept wurde im Wintersemester 2024/25 entwickelt und erstmals im Sommersemester 2025 umgesetzt und evaluiert. Die gewonnenen Erkenntnisse fließen nun in die Lehrpraxis der beteiligten Studiengänge zurück und sollen weitere interdisziplinäre Kooperationen inspirieren.
Prof. Stephan Husung, Leiter des Fachgebiets Produkt- und Systementwicklung, sieht großen Wert in dem Projekt:
Interdisziplinäre Zusammenarbeit ist der richtige Weg, um mehr Nachhaltigkeit auf dem Campus zu erreichen und Studierende in Reallaboren zu motivieren. Ich hoffe, dass wir künftig weitere Lehrprojekte durchführen können, die echte gesellschaftliche Probleme adressieren. Studierende müssen die Fähigkeiten entwickeln, aktuelle und zukünftige Herausforderungen zu lösen – Projekte wie dieses sind ein Schritt in die richtige Richtung.
Kontakt
Prof. Jens Wolling
Fachgebietsleiter Empirische Medienforschung und Politische Kommunikation