Emese Domahidi aus der CCS-Gruppe hat gemeinsam mit Felipe Barreto-Storandt einen neuen Open-Access-Artikel mit dem Titel „One field, two realities: a computational study of topic divergence and academic capital in Latin American and international research“ in der Fachzeitschrift Annals of the International Communication Association veröffentlicht.
Worum geht es?
Die Kommunikationswissenschaft versteht sich gern als globale Disziplin, doch wer gehört wird und welche Themen als wichtig gelten, wird nach wie vor durch eine deutliche Trennung zwischen einem einflussreichen, überwiegend westlich geprägten „Core“ und einer „Periphery“ bestimmt, deren Stimmen oft unbeachtet bleiben. Mithilfe computergestützter Themenmodellierung von mehr als hunderttausend Artikeln aus lateinamerikanischen und internationalen Kommunikationszeitschriften der vergangenen zwei Jahrzehnte untersucht die Studie, wie unterschiedlich diese beiden Welten über Kommunikation sprechen. Während Core-Journale stark von Themen rund um digitale Medien und Technologie geprägt sind, beschäftigt sich die lateinamerikanische Forschung deutlich intensiver mit Fragen von Gesellschaft und Identität, ein Spiegel ihrer langen Tradition sozial und politisch engagierter Wissenschaft. Zudem verändern sich die Forschungsschwerpunkte in Lateinamerika dynamischer als Reaktion auf aktuelle Ereignisse, während die Agenden des Core vergleichsweise stabil bleiben. Diese regionale Relevanz hat jedoch ihren Preis: Forschung aus Lateinamerika erhält durchgängig weniger akademische Anerkennung, was darauf hindeutet, dass die Maßstäbe wissenschaftlicher Exzellenz Arbeiten mit regionalem Fokus systematisch abwerten. Internationale Kooperationen tragen zwar dazu bei, diese Kluft zu überbrücken, jedoch nur teilweise. Die Studie verweist damit auf ein tieferliegendes Paradox, die Nähe zu lokalen Realitäten kann dazu führen, aus der globalen wissenschaftlichen Debatte zu verschwinden, und argumentiert, dass die Überwindung dieser Spaltung nicht nur institutionelle Veränderungen erfordert, sondern auch ein Umdenken in den Zitationskulturen, die darüber entscheiden, wessen Forschung zählt.
Weitere Informationen zum Artikel: https://doi.org/10.1093/anncom/wlag013