E. | Valencia, Spanien

Internationale Soziale Arbeit

 

1.    Vorbereitung

Ich studiere „Internationale Soziale Arbeit“, wobei ein verpflichtendes Auslandspraktikum im dritten Semester fest geplant ist. Eine meiner Muttersprachen ist Spanisch und da ich bereits ein Semester in Spanien im Bachelor Soziale Arbeit studiert hatte, wusste ich, dass ich gerne wieder im spanischsprachigen Bereich mein Auslandspraktikum absolvieren möchte. 


1.1.    Suche der Praktikumsstelle

In meinem Studiengang gibt es keine Praxispartner für das Auslandssemester, weshalb ich ausschließlich Initiativbewerbungen verschickt habe. Bisher habe ich meine fachlichen Schwerpunkte auf Frauenrechte und reproduktive Rechte gelegt und mich demnach auch in diesem Bereich umgesehen. Der genaue Ort für das Praktikum war mir egal, wichtig war mir nur der Arbeitsbereich und die Arbeitssprache (Spanisch). Über eine Kommilitonin wurde ich auf die Organisation „Asociación Por Ti Mujer“ in Valencia aufmerksam, bewarb mich dort und bekam nach einem online Vorstellungsgespräch die Zusage für die Stelle.


1.2.    Unterkunft

Da ich bereits in Spanien ein Auslandssemester gemacht hatte, wusste ich, über welche Websites ich Unterkünfte finden konnte. Ich wollte gerne in eine WG mit Frauen, was man eigentlich immer in den Filtern einstellen kann. Gesucht habe ich auf idealista und badi, wo ich mir ein Profil erstellt habe und interessanten Angeboten schreiben konnte. Allerdings ist die WG-Suche in Spanien etwas anders als in Deutschland. 
Dort ist es üblicher, dass die Vermieter:innen oder die Hausverwaltung neue Personen für ein freies Zimmer suchen und die Inserate hochladen und nicht die Mitbewohner:innen. Das führt dazu, dass man manchmal wenig bis gar keine Auskunft darüber bekommt, mit wem man zusammenwohnen wird und Gespräche eher nur mit den Vermieter:innen führt. Außerdem gibt es viele Wohnungen, die speziell Erasmus-WGs anbieten, auf der anderen Seite aber auch sehr viele Anzeigen, die spezifisch KEINE Erasmus-Student:innen wollen. 
Zum Schluss bin ich über badi an meine Wohnung gekommen. Ich habe nicht in einer studentischen WG gelebt, sondern mir eine kleine renovierte Wohnung mit meiner 54-jährigen, sehr entspannten und lebenslustigen Mitbewohnerin geteilt und würde mich immer wieder genauso entscheiden. Ich habe im Stadtteil Ayora gelebt, den ich sehr empfehlen kann, weil von dort aus sowohl der Strand als auch die Innenstadt gut erreichbar und angebunden sind. Meine Miete belief sich auf 450€/Monat, mein Zimmer war zwar bloß 7 oder 8qm groß, dafür hatten wir aber ein Wohnzimmer, in dem ich die meiste Zeit verbracht habe.
Andere Wohnviertel, die mir empfohlen wurden, sind Blasco Ibañez (eine sehr große und lange Straße mit vielen Wohngebäuden) und Benimaclet.


1.3.    Erasmus-Bewerbung

Da ich meine Praktikumszusage erst im Juni bekommen habe und mein Praktikum schon im September losging, habe ich gerade so die zweimonatige Frist für die Bewerbung einhalten können. Da ich in Erfurt studiere, lief die Bewerbung über die TU-Ilmenau. Die Mitarbeiter:innen dort waren für Nachfragen immer ansprechbar und haben schnell auf Emails geantwortet. Da es sich durch meinen Studiengang um ein verpflichtendes Praktikum handelt, musste ich mich nicht um so etwas wie eine spezielle Anerkennung kümmern und hatte alle Dokumente bereits von meiner Hochschule gestellt bekommen.


2.    Praktikum

2.1.    Aufgaben

Die Organisation ist in vier thematische Felder unterteilt, die auch alle andere Standorte in der Stadt haben. Ich habe mein Praktikum im Bereich „(Wieder-) Eingliederung in den Arbeitsmarkt“ gemacht. Außerdem gibt es noch die Bereiche Psychologie, Recht und Sozio-Administratives. Wie der Name bereits vermuten lässt, arbeitet „Por Ti Mujer“ (Für Dich Frau) nur mit Frauen, die meisten von ihnen aus Lateinamerika nach Spanien eingewandert. Die Arbeit findet ausschließlich auf Spanisch statt und man muss sich darauf einstellen, mit vielen unterschiedlichen Dialekten konfrontiert zu werden. Für mich war das nicht so sehr ein Problem, da ich muttersprachlich eine lateinamerikanische Variation von Spanisch spreche und die Eigenheiten anderer Dialekte gewöhnt bin.
In meinem Arbeitsbereich ging es hauptsächlich darum, die Frauen bei der Suche nach einem Job zu unterstützen. Dafür haben wir unterschiedliche Angebote gehabt, abhängig davon, ob die Frau bereits einen legalen Aufenthaltstitel in Spanien hatte oder nicht. Es gab Gruppenangebote für Frauen in irregulärer Aufenthaltssituation, in denen ihnen nicht nur erklärt wurde, welche Möglichkeiten sie zur Arbeitssuche, Weiterbildung und Anerkennung ihrer Qualifikationen haben, sondern auch, welche Möglichkeiten sie haben, um ihre Situation zu legalisieren. Dafür musste ich mir ein breites Wissen über das spanische Einwanderungssystem aneignen. Da viele der Frauen sich in prekären Lebenssituationen befanden und in den meisten Fällen eine Familie zu versorgen hatten, arbeiteten sie schwarz, weshalb wir sie über Risiken und Möglichkeiten in diesen Situationen aufgeklärt haben.
Für Frauen mit legaler Aufenthaltssituation und demnach einer Arbeitsgenehmigung hatten wir weitere, spezifischere Angebote. In Einzelberatungen und Workshops wurde über die Mechaniken der Arbeitssuche und Weiterbildung in Spanien aufgeklärt. Wir nahmen das Profil der Frauen auf und konnten ihnen individualisierte Vorschläge für Bewerbungen machen, allerdings verfügt die Organisation nicht über eine eigene Jobbörse. Jedoch bestehen einige Kooperationen mit Stiftungen, die wiederum mit Firmen zusammenarbeiten und uns Bewerbungsmöglichkeiten weiterleiteten. 
Außerdem erstellten wir mit den Frauen unabhängig ihrer Aufenthaltssituation gemeinsam ihren Lebenslauf, etwas, das je nach Land unterschiedliche Anforderungen haben kann und was viele der Frauen noch nie gemacht hatten.
Die Situationen der Frauen haben stark variiert, genau so wie ihre Gründe nach Spanien zu kommen. Einige von ihnen waren hochqualifiziert, hatten aber ihre Abschlüsse (noch) nicht anerkennen lassen, andere verfügten über keinerlei akademische oder berufliche Abschlüsse. Deshalb waren individuelle Interventionen und die Bedürfnisse der Klientinnen sehr unterschiedlich. Da die Organisation noch über die anderen drei Bereiche verfügte (Psychologie, Recht und Sozio-Administratives), wurden im Aufnahmegespräch immer auch eventuelle Bedarfe in diesen Bereichen abgeklärt, sodass die Frauen entsprechend an interne oder externe Ressourcen weitergeleitet werden konnten. Auch dafür benötigte man das entsprechende Wissen um Hilfsangebote und die Themenabdeckung der einzelnen Angebote.
Zu meinen Aufgaben zählten das wöchentliche Erstellen einer Liste mit Jobangeboten, Aufnahmegespräche, Follow-up-Gespräche, das gemeinsame Erstellen von Lebensläufen mit den Frauen, Dokumentation von Gesprächen, Teilnahme an Events und Vorträgen, sowie einige administrative Tätigkeiten. 


2.2.    Persönliche Erfahrungen

Ich habe in meinem Praktikum viel gelernt, vor allem über Beratungssituationen im one-on-one-Kontext. Allerdings wirkte auf mich die Organisation insgesamt mit ihren vier Arbeitsbereichen in ihrer Kommunikation nicht so gut aufeinander abgestimmt, was bei übergreifenden Veranstaltungen öfter für Verwirrung oder unklare Anweisungen gesorgt hat. Außerdem gab es keinen festen Praktikumsleitfaden, als ich begonnen habe, weshalb ich mir viele wichtige Informationen von Kolleginnen erfragen oder im Internet recherchieren musste. Ich habe dann initiativ selbst einen Praktikumsleitfaden erstellt, der auch direkt für meine Nachfolgerin benutzt wurde. Weder ich noch meine Mitpraktikantin durften an regulären Teammeetings teilnehmen und haben dadurch leider wichtige Informationen nicht oder nur zwischen Tür und Angel erfahren, was ich sehr schade fand. Da ich bereits Sozialarbeiterin bin und mir dort auch das Vertrauen entgegengebracht wurde, eigene Klientinnen zu betreuen, hätte ich mir mehr Transparenz gewünscht. Auch Anleitungsgespräche haben (auch auf Nachfrage) nicht stattgefunden oder wurden vertagt und dann abgesagt. Dadurch bin ich über viele wichtigen Veränderungen in der Organisation nicht in Kenntnis gesetzt worden. Meinem Eindruck nach wurde das Praktikum von Seiten meiner Vorgesetzten sehr viel lockerer handgehabt, als ich es gewohnt bin.  Zwar konnte ich zwischendurch immer Fragen stellen, die auch fachlich sehr fundiert beantwortet werden konnten, aber eine richtig strukturierte Anleitung gab es nicht. Deshalb würde ich sagen, dass es wichtig ist, selbstständig arbeiten zu können, wenn man diese Stelle in Erwägung zieht, kann aber auch nur für meine Abteilung sprechen. Man muss dazu sagen, dass die Bürokratie in Spanien anders strukturiert ist als in Deutschland, beispielsweise werden viel mehr Behördenangelegenheiten komplett online und mit individualisierten Identifikationsschlüsseln abgewickelt. Wenn man dieses System nicht kennt, weil man aus einem anderen Land kommt, muss man viel nachfragen, weil die Kolleginnen bestimmte Informationen für selbstverständlich halten. Zum neuen Jahr gab es einen sehr großen Personalwechsel, der die ganze Organisation stark beeinflusst hat, was sich aber hoffentlich in den Monaten nach meinem Praktikumsende wieder eingependelt haben wird.
Insgesamt hatte ich eine andere Erfahrung als erwartet, konnte aber trotzdem einiges an Beratungserfahrung mitnehmen und habe gelernt, in herausfordernden Situationen anpassungsfähig zu bleiben.


3.    Alltag

3.1.    Leben in Spanien

Etwas, an das ich mich wieder stark gewöhnen musste, waren die Unterschiede im Tagesrhythmus zwischen Deutschland und Spanien. In meinem Büro ging die Arbeit zwischen 8:30 Uhr und 9:00Uhr los, Mittagspause war aber erst um 14 Uhr. Dafür gibt es vormittags das „almuerzo“ so eine Art spätes kleines Frühstück, um den Blutzuckerspiegel aufrecht zu erhalten. Diese Umstellung hat am Anfang dafür gesorgt, dass ich nach dem (für mich sehr späten) Mittagessen sehr müde war, mein Biorhythmus hat sich aber nach einer Weile daran gewöhnt. Verabredungen fürs Abendessen vor (allerfrühestens!) 20 Uhr waren selten und viele Bars und Restaurants öffnen davor nicht einmal ihre Küche. Obwohl Valencia eine große Stadt ist, haben zur „siesta“, also in etwa zwischen 14-17 Uhr viele Geschäfte und Einrichtungen geschlossen, was für ein erstaunlich leeres Stadtbild sorgt (mal abgesehen vom Zentrum, wo auch zu dieser Zeit einiges los ist, u.a. auch wegen der vielen Touristen).
Tendenziell sind Lebensmittel und auch Essen gehen etwas günstiger als in Deutschland. Ich war im Winter in Valencia und es war kühler als erwartet („das liegt an der hohen Luftfeuchtigkeit“, wie die Valencianer sagen würden) und ich kann auf jeden Fall eine windfeste Jacke empfehlen, da es sehr stürmen kann. Die wenigsten Häuser haben eine Heizung, wenn man Glück hat, kann man die Klimaanlage warm stellen. Viele Wohnungen sind gefliest und ich habe zuhause z.T. ziemlich gefroren, draußen war es im Vergleich zu drinnen meistens deutlich wärmer.
In Valencia wird nicht nur Spanisch gesprochen, sondern auch die Regionalsprache Valenzianisch, weshalb man meistens zweisprachige Schilder und Durchsagen sieht und hört. 


3.2.    Salsa

Ich habe in Valencia mit dem Salsa tanzen begonnen und es gibt eine sehr lebendige Salsa-Szene in der Stadt. Speziell kubanische Salsa ist stark vertreten, es gibt aber auch viele Veranstaltungen, bei denen zum Beispiel Bachata getanzt wird. Es gibt einige Tanzschulen, aber auch kostenlose Angebote und jede Woche mehrere Möglichkeiten, Tanzen zu gehen. Hier ein paar Empfehlungen:

  • Dame Casino Tanzschule (feste Tanzkurse)
  • Loco Salsa Tanzschule (feste Tanzkurse)
  • Miky House (flexible Tanzkurse jeden Donnerstag abend und kostenloses Tanzen am Strand Sonntag abends)
  • Carribean’s Avenue (Bar mit festen Tanzabenden jede Woche zu Salsa, Bachata und Sevillana)
  • SO:KU (Kulturzentrum in Benimaclet mit Konzerten und einmal im Monat Salsa)

3.3.    Kulturangebote und Tipps in der Stadt

Für die öffentlichen Verkehrsmittel kann man sich eine monatliche Fahrkarte zulegen, was ich aber zu Beginn nicht wusste. Die Beantragung und Ausstellung hätte für mich dann zu lange gedauert, als dass es sich noch gelohnt hätte. Vielleicht kann man das schon im Vornherein aus Deutschland machen, das weiß ich aber nicht genau. Stattdessen habe ich mir für Bus, Tram und Metro eine suma 10 zugelegt, die man im inneren Stadtgebiet für 5,40€ mit zehn Fahrten aufladen kann. Im Nachhinein wäre die monatliche Variante deutlich erschwinglicher gewesen. Für die Navigation habe ich Google Maps oder die Website der Metro Valencia benutzt, die Bus-App EMT hat leider nur bedingt funktioniert und ist oft abgestürzt. Obwohl Valencia eine große Stadt ist, ist unter der Woche die Anbindung abends/nachts nicht so gut. Wenn mal nichts fährt, kann man sich ein Leihfahrrad von valenbisi nehmen, ein jährliches Abo kostet circa 30€ und läuft über die App. Valencia hat viele gut ausgebaute Fahrradwege und ist eine größtenteils sehr fahrradfreundliche Stadt. 
Für Ausflüge in andere Städte eignet sich Valencia gut, ich bin allerdings nur mehrere Male mit dem Schnellzug nach Madrid gefahren, was ungefähr 2,5h dauert und immer gut funktioniert hat. Gebucht habe ich meine Züge über renfe.
Hier noch einige Empfehlungen in der Stadt selbst:
-    Turia Park: Trockengelegtes Flussbett eines umgeleiteten Flusses, das jetzt in einen wunderschönen Park umgewandelt wurde, der einmal durch ganz Valencia führt. Es gibt eine Joggingstrecke durch die gesamte Anlage und viele Gruppen nutzen den Park für Geburtstagsfeiern, Yogasessions, Tanz- und Musikveranstaltungen und vieles mehr. An seinem Ende liegt die Ciudad de las Artes y las Ciencias, bei der sich ein Besuch auf jeden Fall auch lohnt.

  • La Fabrica de Hielo: Bar mit Essensangebot in Strandnähe, abends oft mit Kulturangebot und Musikveranstaltungen.
  • Burning House: Bar mit einer tollen Auswahl an live-Musik.
  • Mercabanyal: Kleiner Markt mit leckerer Auswahl an Streetfood.
  • Off Valencia: Eine kleine Theater- und Musicalschule, die immer mal wieder Aufführungen hat. Ich war zum Beispiel bei ihrer Inszenierung der Rocky Horror Picture Show.
  • IVAM: Ein Museum mit z.T. kostenlosen Kunst-Workshops an den Nachmittagen.
  • Für Infos über Veranstaltungen kann ich die Website Valencia Secreta empfehlen. Die berühmten Fallas habe ich leider verpasst.


4.    Fazit 

Ich hatte eine tolle Zeit in Valencia und habe vor allem übers Tanzen viele Leute kennengelernt, sowohl aus Valencia als auch aus allen möglichen anderen Ecken der Welt. Valencia ist eine sehr internationale Stadt und hat ein breites kulturelles Angebot. Das Praktikum war trotz seiner Herausforderungen sehr lehrreich.